Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 286 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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286 die Regierung Friedrich II., der Boden Berlins, das i Auftreten Moses Mendelssohns und Lessings, alles dies war erforderlich, um solche Blüthen hervorzubringen." „Der erste Ausfluß der Verschmelzung dieser verschiedenen Elemente war in der That Moses Mendelssohn, dessen Charakter mehr als einen Zug für den Typus der religiösen Toleranz des XVÜI. Jahrhunderts, den „Nathan den Weisen" von Lessing, geliefert hat."- Wir überlassen es dem Urtheil des Lesers, ob ihm gerechtfertigt scheint, was der Verfasser über die Aehnlichkeiten des französischen und des jüdischen Geistes bemerkt. Man erinnere sich, wie oft ganz entgegengesetzt verwandtschaftliche Züge zwischen dem deutschen und jüdischen Charakter uachgewiesen worden, und wie schwerlich dem französischen Autor zugestanden werden kann, daß der Familiengeist, die Eltern- und Kindesliebe ein Charakterzug der Franzosen, und nicht der Deutschen sei! Tendenz und Charakter hängen vielfach von Zeitftrömungen ab, und nur diejenigen psychologischen Elemente können als typisch in einem Volkscharakter angesehen werden, welche sich in langen geschichtlichen Zeiträumen als dauernd bewähren. Sehr richtig dagegen zeichnet sich der Verf. die Berliner Verhältnisse, die Stellung des Adels, der Gelehrten, des Bürgerstandes und der Juden in ihrer Mitte, und auf welche Weise gerade die letzteren einen neutralen Boden für das Zusammentressen dieser verschiedenen gesellschaftlichen Elemente bilden konnten und dadurch in der damaligen Zeit in Berlin vorzugsweise hervortreten mußten. Hierüber jedoch gestatten wir uns einige Bemerkungen zu machen. Diese Berliner Gesellschaft in den jüdischen Häusern vom späteren Alter Mendelssohns bis zu den Freiheitskriegen bildet das erste Debüt der Juden in der modernen Welt, und, daß wir es gleich sagen, nach unserer Ansicht ein unglückliches. Allerdings wissen auch wir es zu würdigen, wie durch dasselbe die Ansichten über die Juden, ihre Bildung und geistigen Anlagen zu klären begonnen worden, so daß der schwere und dornenvolle Weg zur bürgerlichen, gesellschaftlichen und staatlichen Gleichstellung eröffnet ward, und wollen wir das Verdienstliche hierin nicht verkennen. Man erwäge aber wohl, daß es vorzugsweise nur Jüdinnen waren, welche die eigentlichen Träger dieser ganzen Erscheinung, die Factoren dieses gesellschaftlichen Processes ausmachten; daß die jüdischen Männer davor ganz in den Hintergrund traten, ja die jüdische männliche Welt durch diese Jüdinnen, welche theils vornehme und ausgezeichnete Christen heiratheten, theils sich von ihren jüdischen Gatten scheiden ließen, um entweder Christen zu heirathen oder selbstständig zu leben, beschimpft wurde; und endlich, daß sie das Judenthum an sich theils verließen, theils völlig hintenausetzten und so einen Gegensatz zu demselben bildeten. Die Erklärung für dieses Vorkommniß und diesen Ausgang ist nicht schwer zu finden und deutet sie der Verf. im Verlaufe seiner Darstellung selbst an. In den hervorragenden Häusern der Berliner Juden, z. B. im Hause des Dr. de Lemos, des Vaters der Henriette Herz, bestanden zwei Gegensätze, die strenge jüdische Orthodoxie und eine, der Innerlichkeit entbehrende weltbürgerliche Bildung, welche außer nach der gesellschaftlichen Bildung besonders nach Kenntniß der modernen Sprachen und Literaturen verlangte. Mendelssohn selbst suchte in feiner Familie eine Vermittelung beider Gegensätze dadurch zu bewirken, daß er den englischen Deismus dahin verpflanzte und in seiner Art verarbeitete. Aber dieser wurzelte nicht in der Jugend und vermochte sich noch nicht mit dem Geiste des Judenthums, das M. selbst nur für ein „Gesetz" erklärte, zu vereinbaren. Auf diese Weise verlor in dieser Jugend das Judenthum feine ganze Haltung, und die profane Bildung, oft genug mit dem Charakter der Frivolität, gewann die Oberhand. Die Lücke suchte man durch Aefihetisiren, später durch die Romantik auszufüllen, was jedoch nur eine Verhüllung, keine Ausfüllung war. Die Folge blieb nicht aus. Die meisten dieser Persönlichkeiten fielen einem traurigen Verhältnisse anheim, der Verödung, ja der Armuth im späteren Alter, andere, zwei Töchter M.'s selbst, flüchteten sich in einen eiftigen Katholicismus. Im Allgemeinen wurde, besonders unter den Juden in Berlin, die frivole Apostasie vom Judenthume gefördert. Es bedurfte und bedarf noch heute einer langen und schweren Arbeit, um den, gleich Anfangs so scharf hervorgetretenen Bruch zu heilen, und den Geistesgehalt des Judenthums so durch- und herauszuarbeiten, daß er der profanen Bildung nicht allein ebenbürtig, sondern sie überragend und ihm eingehörig sich erwies. Dieser Entwickelungsgang war ein natürliches Ergebniß der geschichtlichen Verhältnisse und Processe, und ohne daß hierdurch aus die in jener gesellschaftlichen Sphäre wirksamen Individuen der Stein geworfen werde, ist es dock) an der Zeit, den Werth, welchen man der ganzen Erscheinung beizulegen gewohnt ist, auf das rechte Maß