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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-12 · Heft 15 (12.4.1870) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 15 (12.4.1870)
Date
1870-04-12
Page
Seite 285 (sequence 5)
Language
German
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285 „Die Juden Berlins, die reich und im Besitz der geistigen Bildung jener Zeit waren, versuchten es, sich der Gesellschaft zu nähern, und da sie bei der bürgerlichen Classe noch Vorurtheile fanden, welche die Aristokratie, die gleich ihnen in den Ideen der französischen Encyklopävisten erzogen, und philosophirend nicht mehr theilte, so richteten sie ihre Blicke auf den hohen Adel. Dieser ließ sich auch nicht bitten. Die jungen Leute, welche in dem väterlichen Hause nur das steife ceremonielle Wesen und die Langeweile fanden, welche nothwendig aus dem Leben der wohlhabenden Frauen erwachsen, wenn sie ihren Geist gar nicht gebildet haben und es verschmähen, diese Leere durch ein wenig Koketterie zu verhüllen, — die jungen Leute nahmen gern ihre Zuflucht zu den schonen und liebenswürdigen Jüdinnen , für deren geistige Erziehung ganz außerordentlich von ihren reichen Eltern gesorgt worden. Dort fanden sie Alles, was sie fesieln konnte: einen großen, dem protestantischen Hause unbekannten Luxus, Eleganz, viel natürlichen Geist und besonders eine große Freiheit, denn die Wirthe kargten nicht allzusehr mit ihrer Nachsicht Venen gegenüber, welche sich dazu verstanden, ihren Ursprung zu vergessen. Der Adel jener Zeit — sowohl der preußische wie auch der französische — war übrigens von den liberalen Ideen, die damals in der Luft schwebten, ganz erfüllt und wie berauscht, und die Männer von Geburt hüteten sich wohl, diese jüdischen Salons zu vermeiden, wo sie nicht nur junge, hübsche Frauen mit moderner Bildung, sondern auch noch eine vollständige Abwesenheit jedes Borurtheils fanden, was wohl ganz natürlich bei erst gestern Emancipirten war, die ohne Vergangenheit und Tradition in einer Gesellschaft sich befanden, deren Gesetze und Principien sie nicht einmal kannten. Ueberdies fühlte sich der Adel, wenn er noch irgend welches Vorurtheil bewahrte, zu fern dieser emporgekommenen Welt, um ihre Berührung zu fürchten, wie dies die bourgeoisie wohl hätte thun können, und so wurde nach und nach Alles, was Berlin an hervorragenden Männern besaß, mit hineingezogen: nach den Diplomaten, welche das Eis brachen, die märkischen Edelleute und endlich die königliche Familie selbst durch ihre zwei glänzendsten Mitglieder." ,Menn die Bürgerlichen sich von dieser von modernen Principien erfüllten Gesellschaft entfernt hielten, so war dies doch nicht mit den Schriftstellern und Gelehrten der Fall. Die preußische Hauptstadt hatte zwar ihre Universität noch nicht, aber war schon der Sitz einer berühmten Akademie. Seitdem Lessing mit Moses Mendelssohn die bekannten „Briefe über die Literatur" (1757) dort veröffentlicht hatte, strömten die Schriftsteller von ganz Deutschland dorthin und brachten jene Anschauungsweise — soll ich sie ideal oder frei nennen? — mit, welche der classischen Periode der deutschen Literatur eigen ist und die keinen Werth auf die conventioneüe Moral legt, weil sie kühn den Jnstinct und das Genie Über die socialen Formen und Gesetze stellt. Die Schriftsteller, zum größten Theile arm, schätzten wenigstens ebensosehr wie die Männer des Adels und aus denselben Motiven dieses neutrale Terrain, wo sie die res angusta äomi vergessen durften, ohne sie mit dem traurigen Vergnügen der Tabagie oder Kneipe erkaufen zu müssen. Der reiche christliche Geschäftsmann (übrigens gab es deren nicht viele) gefiel sich noch nach deutscher Sitte in der Einfachheit des bürgerlichen Haushaltes; die gebildete Mittelclasse existirte garnicht oder war kaum im Entstehen; der Beamte starb vor Hunger oder war zur reinen Arbeitsmaschine geworden, wenn er nicht zu dem hohen Adel gehörte; in diesem Falle lebte er völlig getrennt von seinen bürgerlichen Collegen. - Nur Nicolai, der Freund Moses Mendelssohn's und Lessings, der vom Buchhändler Autor geworden und ein bedeutendes Vermögen besaß, empfing zuweilen Gelehrte; aber, selbst wenn er gewollt, so wäre es ihm doch nicht gelungen, den gebildeten und dilettantischen Adel bei sich zu versammeln. Der Hof war vor 1786 traurig; Friedrich II. zeigte sich nirgend außerhalb seines geliebten Sanssouci, und die Königin lebte getrennt in Schönhausen. Die Verhältnisse veränderten sich, wenigstens in ven Augen des Publicums, bei der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm II. nur wenig. Der Neffe des philosophischen Königs schloß sich in sein Serail von Potsdam ein, umgeben von seinen Maitressen, seinen Rosenkreuzen, seinen Pietisten und Günstlingen, die ohne Geist, ohne Ueberzeugung und ohne Wissen waren; er kümmerte sich durchaus nicht um die Gesellschaft seiner guten Stadt. Die moralische Erschlaffung des neuen Hofes blieb jedoch nicht ganz ohne Einfluß auf den preußischen Adel, der schon durch das Beispiel des religiösen Judifferentismus des Oheims darauf hingeleitet worden. So hatte sich in den letzten Jahren des Jahrhunderts ein ganz besonderer Berliner Geist gebildet, der aus Judenthum, Aufklärung, wie unsere Borfahren sagten, und etwas wie ftanzösischem Atticismus gemischt war. „Der Geist des XVIII. Jahrhunderts, sagte Barnhagen,

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