Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1870)
- Date
- 1870-04-12
- Page
- Seite 284 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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284 daß ihre Kinder in einem fernen Welttheil zur Freiheit und Geisteswürde gekommen sind, und der Westwind, der über den Ocean braust, sagt ihnen: Eure Söhne sitzen unter den Weisen und Großen jenes weisen und großen Landes, und, was noch mehr ist, bald weiß man es gar nicht anders'. Vielleicht dringt diese Kunde in die Masie jenes unglücklichen Stammes, und treibt sie freiwillig über den Ocean nach jenen Küsten, wohin sie früher mit Ketten belastet geschleppt wurde — ganz ebenso wie bereits viele tausende niedergedrückter Menschen über ein anderes Weltineer nach den westlichen Küsten desielben Landes aus dem „Reiche der Mitte" als fleißige und mäßige Arbeiter fahren. Die israelitische Welt und die neuen Ideen. Unter diesem Titel bringt die jüngste Nr. der Usvue de8 deux mondes (15. März) den ersten Artikel einer umfassenden Arbeit über „die Gesellschaft Berlins von 1789— lS15 nach Correspondenzen und Memoiren der Zeit, veröffentlicht von 1859 —1869." Dieser erste Artikel, ein Zeugniß der genauen Kenntniß der deutschen Derhältnisie und Literatur, des Scharfblicks und des Geistes seitens des Verfassers (K- Hillebrand), interessirt uns ganz besonders, enthält jedoch, was die Thatsachen betrifft, für uns in Deutschland nichts Neues außer dem, was in d. Bl. und an anderen Orten schon vielfach besprochen worden. Zunächst ist jedoch dieser Artikel für uns darum von großer Bedeutung, als durch ihn die französische Welt erfährt, welche einflußreiche Rolle die Juden in Deutschland gespielt, ehe sie in Frankreich emancipirt und durch diese Emancipation gebildet wurden. Das Verdienst der deutschen Juden, sich selbstständig entwickelt und ihren Platz in der deutschen Welt erobert zu haben, tritt hierdurch in sein geschichtliches Licht. Außerdem jedoch giebt es in der Arbeit des Herrn Hillebrand einige allgemeine Gesichtspunkte, welche wir nicht unbeachtet lassen dürfen. Einleitend weist der Berf. auf den Einfluß hin, welchen der, im vorigen Jahrhundert herrschende Geist ganz besonders auf die Bildung Berlins und vorzugsweise seines Adels übte, und fährt dann fort: „Das Beispiel und die Politik des großen Friedrich hatten zu gleicher Zeit einem anderen socialen Element gestattet, sich zu entwickeln und darzustelleu. Unter einer toleranten und schützenden Regierung hatten die Juden es endlich gewagt, aus dem moralischen Ghetto, in welchem sie bis jetzt eingegrenzt waren, herauszugehen. Sie halten sich während des Krieges große Reichthümer erworben und begannen, als der Friede eingekehrt war, ein Haus auszumachen. Sie eigneten sich bald die französische Civilisation an, die in der Mode war, und zu der sie eine geheime Verwandtschaft zog. Wenn gewisse Tugenden, die nur den fteien Bolksstämmen angehören, wenn die ftanzösischen Eigenschaften par excellence, die Tapferkeit, der Stolz, der ritterliche Geist dem Abkömmling einer unterdrückten Race abgingen, so hatte dieser in seinem Geiste andere Eigenschaften, die ihm gestatteten sich schneller als der deutsche die ftanzösische Cultur anzueignen. Zuerst besaß und besitzt er, was man eigentlich Geist nennt, Witz, Geschmack für feine und fein ausgesprochene Dinge, den moquirenden Ton und die Schnelligkeit, das Lächerliche zu ergreifen, sowie den gesunden Menschenverstand, einen gewissen praktischen, selbst in die Gewohnheiten des Lebens übertragenen Rationalismus, welcher die Verzweiflung der träumerischen Naturen ausmacht, die unfähig ihn zu verstehen, ihn sofort verdammen. Der durchdringende Scharfsinn, die Intelligenz, die feindlich ist sowohl den Nüancirungen, die der Analyse entgehen, als auch den Gefühlen, die keinen ausgesprochenen Charakter haben, verrathen sich übrigens ebenso gut in dem Leben der Israeliten als auch in ihren Geisteswerken. Die Vernunft, die meistens die jüdischen Heirathen dictirt, der Familiensinn, der diese Vernunftwahlen dann heiligt, — die Zärtlichkeit der Eltern für ihre Kinder, der Respect und die Liebe der Kinder für ihre Eltern, sind den Juden, sowie den Franzosen eigen. Die edle Gewohnheit, sich gegenseitig zu helfen, den germanischen Racen so fremd, die dem Individuum die Sorge überlassen, sich aus der Affaire zu ziehen, und sich einen Platz unter der Sonne zu erobern, die Klugheit und der Geschmack für das Sparen, der Wunsch aufzutteten, die gewandte Rede und tausend andere Eigenschaften finden sich bei eingehender Ueberlegung nirgends in demselben Grade als bei den Franzosen und Israeliten. Es ist keineswegs die Wirkung des Zufalls, wenn Heinrich Heine und Meyerbeer sich so schnell jenseits des Rheins acclimatisirt haben und in Deutschland als die geistigen Bertteter Frankreichs angesehen wurden."