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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-12 · Heft 15 (12.4.1870) · p. Seite 283

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 15 (12.4.1870)
Date
1870-04-12
Page
Seite 283 (sequence 3)
Language
German
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283 noch von einer anderen Seile ansehen, und uns von dieser aus des erreichten Zieles fast noch mehr freuen, nämlich: daß die Neger in einer raschen Entwickelung auch fähig geworden, einen aus ihrer Race in den Senat treten zu sehen! Wir sagen absichtlich: fähig geworden, nicht etwa als fähig erachtet werden. Denn das Geschwätz, das man in Europa auch so oft hört, die Farbigen seien eine nach ihren Fähigkeiten untergeordnete Menschenrace, kümmert uns wenig. Was hat man nicht in der Welt Alles für unfähig und unreif erklärt, und der erste Schritt der Freiheit hat das Gegentheil glänzend erwiesen. Damit ein Neger in den Senat eintrete, müsien viele Neger bereits das Niveau der Culturbildung erreicht haben, wie denn auch wirklich viele Schwarze in Municipal- und einige in Staarsämter ein getreten sind. Es ist dies fteilich nicht blos die Frucht der letzten Jahre feit dem Bürgerkriege; die meisten dieser ausgezeichneten Neger hatten noch während der Herrschaft des Sclaventhums unter besonders günstigen Umständen den Grund ihrer Bildung gelegt. Desto bester. Die Geschichte lehrt aber, daß, wo eine, wenn auch geringe Anzahl Menschen aus einem zurückgehaltenen geknechteten Stamme eine höhere Bildung erlangen und bethätigen, immer eine größere, wenn auch langsamer fortschreitende Menge hinter ihnen steht, so daß dann auch die Maste in überraschender Weise ihnen bald nrchkommt. Die paar Dutzend Neger also, welche setzt bereits voran und an's Licht der Oeffentlichkeit getreten sind, sind daher nur die Schwalben, welche die großen Schwärme der Zugvögel ankündigen. Dies ist der Kern der Sache. Denn so großartig die unbedingte Anerkennung eines Princips unter den Menschen ist, und so sehr darin eine Verwirklichung des höchsten Ideales liegt, so ist es doch von noch ungleich höherer Bedeutung, daß das wirkliche Leben diesem Principe entspricht, daß es ein üppiger Boden für die Saat ist, die das Princip aussäet. Ob einmal ein Neger im Senate sitzt, kann eben nur principiell interessiren und zeugt mehr für den Rechtssinn der Weißen. Daß aber die Culturentwickelung der Neger so schnelle Fortschritte macht, daß sie einen Neger in den Senat bringt, und andere Neger in andere Aemter und Berufe, das ist das erhebende Ereigniß, die tief ergreifende und jedes menschenfreundliche Herz beglückende Wahrnehmung! Freilich kann es auf dieser Erde kein Licht ohne Schatten, keine Freude ohne Wehmuth geben. Der Gedanke, daß dieses Ziel nur durch den furchtbaren Bürgerkrieg, der so viel Menschenleben und Menschengut gekostet, erreicht worden, ist immer schmerzlich. Wir sehen auf die Geschichte der V. St. bis zu diesem Bürgerkriege zurück, und es schmerzt noch mehr, sich sagen zu müssen, daß die friedliche Entwickelung nicht fähig gewesen wäre, diesen großen Umschwung herbeizuführen, wenigstens nicht fähig war und vielleicht in Jahrhunderten noch nicht fähig geworden sein würde. Aber daß die Südstaaten um der Sclaverei willen einen so furchtbaren Kampf begannen und vier Jahre, zum Theil mit den größten Erfolgen durchführten, ist Beweis genug, daß an eine ftiedliche Lösung dieser Frage noch durch lange Zeiträume nicht zu denken gewesen. Haben dies denn die Gründer der Union nicht vorausgewußt? Haben sie nicht darum diese große Kluft zwischen den Nord- und Südstaaten, zwischen den von germanischer und den von romanischer Race vorwiegend bewohnten Staaten zu verdecken und zu verkleiden gesucht? Hätten Washington, Franklin und ihre Gesinnungsgenossen das Bestehen der Sclaverei auf dem Boden der Freiheit und des Menschenrechts gestattet, wenn nicht dadurch allein das Zustandekommen der Union möglich, diese Union aber wiederum die einzige Bertheidigung gegen die englische Herrschaft gewesen wäre? Ja, in diesem Augenblicke hat sich erst die ganze Idee jener Männer verwirklicht, und die Union ist geworden, was sie nack dem Geiste jener sein sollte. Wir müssen also zugestehen, daß es menschliche Verwickelungen giebt, die nur durch das Schwerdt gelöst werden können, und mögen nur die Hoffnung hegen, daß solcher Zustände in der Menschheit immer wenigere, daß sie immer seltener werden. Hingegen erlangen wir die Tröstung, daß der alte Spruch: „wer Wind säet, erndtet Sturm/ und „blutige Saat trägt nur blutige Frucht," sich nicht als immer wahr erwiesen hat. Aus der Blutsaat des nordamerikanischen Bürgerkrieges keimt, blüht und reift eine reiche Friedenssaat, eine volle Rechtssaat, eine üppige Cultursaat hervor. Genug, die Union hat diesen furchtbaren Conflict überstanden, die Wunden heilen schnell, und die Kraft dieses wunderbaren Organismus hat sich unendlich gesteigert. Fürwahr, die afrikanische Wüste hat einen Quell der Fruchtbarkeit erhalten, und die einsamen Palmen auf ihren Oasen brauchen ihre Blattzweige nicht mehr mit klagendem Rauschen zusammenzuschlagen. Wenn sie freie und geistesgebildete Menschen auch nicht in ihrem Schatten sich lagern sehen, so haben sie doch erfahren, 15*

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