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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-05 · Heft 14 (5.4.1870) · p. Seite 279

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 14 (5.4.1870)
Date
1870-04-05
Page
Seite 279 (sequence 19)
Language
German
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279 einen Dukaten in Empfang zu nehmen. Es war sein Handwerk. Der Kaufmann spottete darüber, aber er machte sich doch den Spaß, die Tafel unter Glas und Rahmen bringen zu laffen. Ob nun die Herren und Damen, denen jetzt bald von diesem, bald von jenem ein jüdischer Ursprung vindicirt wird, auch damit zufrieden sind und den desfalsigen Stammbaum unter Glas und Rahmen bringen lasien, mag dahingestellt bleiben. In der neueren Zeit war es d'Jsraeli, der in seinem Fanatismus für den jüdischen Stamm als solchen, diese mißfällige Uebertreibung eingeführt und die meisten bedeutenden Männer und Frauen Europa's mit jüdischer Herkunft gestempelt hat. Ob in Rußland oder Spanien, ob von den französischen Marschällen oder den katholischen Priestern, wer sich einen ruhmvollen Namen erworben, fiel diesem Geschicke anheim. Der Anstoß, den der berühmte englische Staatsmann, Sohn eines getauften Juden, gegeben, brachte fort und fort dieselbe Bewegung hervor, und so sahen wir in diesen Tagen selbst den Papst Pio Nono, den Pathen des Knaben Mortara, den Vater des Syllabus und des Concils, zu einem jüdischen Sproßling gemacht. Hat doch auch jüngst ein sonderbarer Berliner Gelehrter gemeint, daß in Berlin mindestens 80,000 christliche Einwohner von Juden abstammen. Wenn er diese ungeheure Zahl beweisen könnte, und man erwägt, daß Berlin noch unter Friedrich dem Großen eine verhältnißmäßig geringe jüdische Bevölkerung zählte, so wären die Zweifel glänzend widerlegt, welche man öfter gegen die biblischen Angaben über die Vermehrung der Israeliten in Aegypten vorgebracht hat. Wir haben uns von jeher gegen diese Uebertreibungen mit Hand und Fuß gewehrt. Wir hegen einen ganz anderen Stolz, nämlich den, auf die ungebrochene Treue des jüdischen Stammes für die Verehrung des einzigen Gottes, auf seine nie wankende Anhänglichkeit an seine Gotteslehre! Vermischtes. In diesen Tagen fiel uus ein Schriftchen der Fanny Lewald „Osterbriefe an die Frauen" in die Hände, mit welchem wir uns aber hier nicht beschäftigen wollen. Am Schluffe des Büchleins steht eine Empfehlung der Selbstbivgraphie von Fanny Lewald, und obschon wir uns durchaus ^cht gedrungen fühlen, diese Selbstbiographie zu empfehlen, so entnehmen wir doch aus jener Empfehlung, welche in den „Hamburger Nachrichten" gestanden, folgende Stelle: „Eine sociale Frage, die neuerdings verwirrter und verstimmter als jemals behandelt wird, ist: die Racenfrage zwischen Juden und andern eingeborenen Stammesgenoffen. Eine religiöse Frage ist sie unter den Gebildeten beider Parteien längst nicht mehr.*) Aber sie bedrängt unseren theoretischen Liberalismus auf's Empfindlichste dadurch, daß sie demselben eine praktische Ausführung seiner eigenen Gedanken abverlangt. Nachdem wir uns die Hälse redlich danach heiser geschrien haben, daß den Juden ihre menschliche und politische Bollberechtigung zu Theil werde, so sehen wir plötzlich, wie mit einem Gefühle der Bestürzung, daß dies Ziel erreicht ist und daß der Jude von der Gesetzgebung emancipirt sein will. In der Fähigkeit des Erwerbs von ihm überflügelt zu werden, daran hatten wir Zeit uns zu gewöhnen. Auch die Virtuosität in allerhand künstlerischen Fächern lernten wir längst am Juden anerkennen. Daß die Tüchtigkeit des Charakters kein christlich germanisches Blutsmonopol sei, mußten wir schon damals einräumen, als es noch galt, zu Gunsten der Juden agitiren zu helfen. Glücklicherweise ist nun in dem einen Staat erreicht, in dem andern dem Ziele wenigstens sehr nahe gebracht, was die Forderung aller Aufgeklärten und Wohlmeinenden war: die Ausnahmestellung der deutschen Israeliten ist verschwunden, die versagten Berufsarten und Aemter eröffnen sich ihnen, dieselben verfaffungmaßigen Befugniffe gelten für die eine wie für die andere Bevölkerungsschicht. Aber die persönliche Reizbarkeit wider die Juden ist nicht beseitigt, sondern in manchen Fällen eine fieberhaftere durch die Erfolge geworden. Constitutionelle Lämmer gebehrden sich plötzlich wie Löwen des Conservatismus, wenn aus der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden auch die Ebenbürtigkeit des persönlichen Verkehrs abgeleitet werden soll. Sollen wir denn auch gar nichts Apartes mehr haben? Gar Niemanden mehr neben uns erblicken, der die Gefälligkeit hat, sich seiner Geburt wegen geringer als wir zu achten? Nein und abermals nein! Die Erlösung von der einen Unbill zieht die Erlösung von der anderen folgerichtig nach sich. — Wem es aber schwer wird, ohne Mißgunst zuzusehen, wie sich diese Thatsache vollzieht, oder wem es vollends widerstrebt, selbst zur Beschleunigung ausgeglichener Berhältniffe beizutragen, dessen Lectüre empfehlen wir das Werk der Frau Lewald, welche als die Tochter einer jüdischen Familie in einer Zeit geboren ward (1811), wo der mittelalterliche Bann noch mit ganzer Wucht auf den Israeliten Preußens lastete. Er wird sich daraus überzeugen, daß die Juden im Ganzen viel mehr Liebe für die Christen hegen, als wir irgend von ihnen verdienen." Soweit der Kritiker der „Hamburger Nachrichten". Es ist ganz gut gesagt, aber erschöpft den Gegenstand doch nicht. Daß die Hindernisse im geselligen Verkehr *) Der Bers. meint wohl, daß die verschiedenartige Bc- Handlung der Juden und Christen nicht mehr aus religiösen Momenten hervorgehr, daß die gebildete Welt jedes Religion» bekennrniß als berechtigt, oder vielmehr aus die bürgerliche Ltellung nicht mehr von Einfluß ansieht — denn eine religiöse Frage bleibt das Berhältniß des Jndenthums und des Christen thums zu einander für immer. Die Redaktion.

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