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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-05 · Heft 14 (5.4.1870) · p. Seite 280

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 14 (5.4.1870)
Date
1870-04-05
Page
Seite 280 (sequence 20)
Language
German
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280 zwischen Christen und Juden vielfach aus der Ausfchließungsfucht, wie der Kritiker meint, fließen und, fugen wir hinzu, aus den noch nicht geschwundenen Vorurthei« len, aus der noch nicht völlig entwichenen Verachtung der Juden, geben wir zu. Aber im geselligen Verkehr ist die allgemeine Gleichberechtigung und Toleranz nicht allein maßgebend. Hier ist es, wo die gleiche Gesinnung, die gleiche Ueberzeugung und Richtung entscheidend mitwirkt, und zwar desto mehr, je ernster und aufrichtiger sie ist. Gleichgesinnte ziehen sich immer an, Andersgesinnte stoßen sich ab. Wenn zwei Nachbarn, die sich sonst an Bildung und Rang gleichflehen, der eine streng conservativ, der andere streng demokratisch in der politischen Anschauung sind, so. werden sie zu geselligem Verkehr sich nicht angezogen fühleu. Und so verhält es sich auch mit dem religiösen Momente. In Norddeutschland, wo die Anzahl der Katholiken und der Juden unter der großen Masse der Protestanten fast verschwindet, und überhaupt ein religiöser Jndifferentismus vorherrscht, ist dies weniger der Fall. Aber da, wo, wie in der Rheinprvvinz und in Süddeutschland, die Kirche noch sehr accentuirt ist, findet man zwischen Katholiken und Evangelischen nur wenig gesellige Verbindung, höchstens noch in den allgemeinen geselligen Vereinen, obschon es auch katholssche Casinos, Bürgervereine u. s. w. giebt, in den Familien aber findet man eine auffallende Trennung zwischen den beiden christlichen Confessionen. Da liegt denn ein ähnliches Berhaltniß zu den Juden sehr nahe. Wir können daher schon ganz zufrieden sein, wenn das Princip gewichen ist, wenn die größeren oder kleineren geselligen Vereine in ihren Statuten nicht den Paragraphen haben: „Nur Christen werden ausgenommen." Die weitere Entwickelung muß man sich selbst überlassen. Wie die Ultramontanen das Volk gegen die Juden aufzuhetzen suchen, und dazu die Erfindung verruchtester Lügen nicht scheuen, davon geben ihre Blatter und Blättcken täglich den Beweis. Im Pitaval wird ein mittelalterliches Geschichtchen von einem Pariser Menschenschlächter erzählt, der Jahre lang Menschenfleisch an die Restaurants und Pastetenbäcker verkauft haben soll. Ans dieses Geschichtchen stößt ein Ultramontaner und ruft aus: Halt, das ist Etwas gegen die Juden! Flugs wird das Mittelalter zur neuesten Zeit gemacht, Paris wird nach einer Wiener Borstadt verlegt, und der gläubige Katholik wird in einen Juden verwandelt — und nun geht durch die ultramontauen Blättchen die Geschichte: Ein Wiener Wurstmacher, ein Jude, habe mehrere Bauernmädchen in seinen Laden gelockt, abgeschlachtet und in seine Würste gestopft! Es wird Alles auf Tag und Stunde, auf Ort und Stelle, auf Zahl und Befund erzählt, daß das gläubige Volk nicht daran zweifeln kann. Alles die plumpeste Luge. Das sind die Frommen, die Bertheidiger der Religion, die allein wahren Kinder Gottes! Und da nun Aehnliches in allen Confessionen wahrgenommen wird, ist es da zu verwundern, daß der Respect vor der sogenannten Frömmigkeit immer schwächer wird? Am 22. März fand in Berlin, wie alljährlich am Geburtstage des Königs, eine Feier in der Aula der Universität statt, bei welcher Professor Ernst Curtius die Rede, und zwar über die Tugend der Gastfreundschast hielt. Der preußische Staat unter den Hohenzollern habe stets Gastfreundschaft geübt, wie der große Kurfürst 1685 die Hugenotten aufnahm, Friedrich Wilhelm I. die Salzburger. Er bemerkt: „So hat Preußen, obwohl ihm die Beweglichkeit wie der Geist der Franzosen und die reichen Gaben der jüdischen Bevölkerung, welche letztere der große Kurfürst 1671 ausgenommen, genützt haben, seinen geschichtlichen Charakter und sein echt deutsches Gepräge nicht eingebüßt." Man sieht, die Anerkennung der Wahrheit bricht sich doch immer mehr Bahn, mit wenigerem Geräusch, aber mit sichtbarerer Kraft, als die Lüge und Verleumdung. Das Wort des Professor Curtius über die reiche Begabung des jüdischen Stammes hallt nicht so weit hinaus, wie die Verleumdungen Richard Wagner's; aber jenes ist eine Ueberzeugung und dringt durch, wahrend diese verflattern und in kurzer Zeit vergesien sein werden. Der jetzige Papst hat schon öfter und z. B. jüngst bei der Audienz der diesjährigen Fastenprediger in Rom gegen den Luxus gedonnert. Dabei aber giebt es keinen Potentaten der Welt, der einen größeren Luxus in Kleidung, Umgebung, Equipagen, in seinem Hofstaate und der ganzen Hofetiquette entfaltet, als der Papst. Was will die Garderobe irgend eines europäischen Fürsten mit ihren Generalsuniformen u. s. w. besagen gegen die Pracht an Sammt und Seide, Golvftickereien und Edelsteinen, welche in größter Mannigfaltigkeit die Garderobe des Papstes, seiner Cardinäle, Priester und Schweizergarde auszeichnet! 9 Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dir« H. Lotze.

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