Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1870)
- Date
- 1870-04-05
- Page
- Seite 278 (sequence 18)
- Language
- German
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278 Die Rabbiner bedurften eines vielumsastenden Gedächtnisses, um den ungeheuren Stoff, der in den Talnmden, Midraschim, Lltern und jüngern Quellenschriften aufgehäuft liegt, zu bewältigen, und haben in ihren Gutachten, unter denen die des Spaniers Simon Duran besonders hervorragen, merkwürdige Proben von demselben abgelegt. Durch ein coloffales Gedächtniß that sich R. Moses ben Maimon hervor. Die Tausende und Tausende disjeeia membra der halachischen Literatur hat er, die juristischen Debatten bei Seite lastend und blos die Resultate berücksichtigend, gesammelt, zusammengestellt und systematisch geordnet,, nicht etwa mittelst angelegter Collectaneen mosaikartig arbeitend, sondern blos mit Hülfe des Gedächtnisses, da er nirgends die Quelle angiebt, und einmal selbst gestand, sich nicht im Momente des Tractates zu erinnern, wo das von ihm angeführte Gesetz vorkommt. Allerdings wurde bei diesen Studien in früheren Zeiten das Gedächtniß von folgenden Umständen unterstützt. Die Codices, welche man benutzte, konnten nicht so leicht gewechselt werden wie gedruckte Bücher — auch die gedruckten Talmudausgaben gleichen einander Seite um Seite —, die hebräische Quadratschrift ist groß, eckig und sehr anschaulich, man studirte laut, in einem eigenthümlichen Sington, mit großer Liebe — „inoculir' alles auf dein Lieblingsstudium," rieth Hippel im Intereste des Gedächtnistes —, mit religiöser Hingebung und ohne Nebenzwecke — lauter Momente, welche, wie bereits von dem Spanier Profiat Duran bemerkt wurde, dem Gedächtniß Vorschub leisten. Allein auch ohne diese, gewiß nicht zu unterschätzenden Stützen und Pfeiler ist das Gedächtniß des jüdischen Stammes fest, prompt und ausdauernd; daher die Juden im Allgemeinen schlagfertig sind und nicht wie Rousteau in seinen ..^onlessioni;" zu klagen brauchen, daß ihnen die besten Einfälle immer zu spät kämen. Nur in einer Beziehung hat es sich in der Geschichte lässig und schlaff erwiesen, wenn es nämlich galt und gilt, die Feindseligkeiten der Völker in der Erinnerung aufzubewahren! Der Jude vergißt und verzeiht rasch das Böse, das ihm von den Nationen zugefügt wurde, sobald er wieder frei aufathmen und unangefochten seines Lebens sich freuen kann; daher im 5 B. Mos. die merkwürdige Aufforderung, daß Israel der Bosheit, die der Stamm Amalek an ihm einst verübte, sich erinnere und ihrer nicht vergesten möge! Das jüdische elastische Naturell, das sich aus dem tiessten Drucke leicht aufrichtet, kennt keine Rancüne, seine internationale Politik ist nach geschloffenem Frieden eine aufrichtig versöhnliche. Der Jude hat im Gegensätze zu den Bourbonen viel gelernt und viel vergessen Abstammung von Juden. Bekanntlich bilden seit undenklicher Zeit die Juden einen geschloffenen Stamm, dessen Glieder sich nur unter sich verheirathen. Dennoch begegnen wir in älterer und neuester Zeit dann und wann der eigenthümlichen Erscheinung, daß man alle Personen, die irgendwie sich Hervorthun und auszeichnen, auf jüdische Abstammung zurückführen will. Ob Tänzerin oder Sänger, ob Staatsmann oder Feldherr, ob Gelehrter oder Industrieller , sobald eine Persönlichkeit Ruhm und Auszeichnung erwirbt, so will man sie von jüdischen Vorfahren, väterlicher oder mütterlicherseits oder von beiden zugleich abstammen lasten. Nun geben wir zwar gern zu, daß dies bei einer ziemlichen Anzahl rühmlicher Menschen wirklich der Fall war. Es handelt sich hier um Männer und Frauen, die nicht dem Judenthume angehören, da es sonst selbstverständlich keine Frage sein kann. Es gab wirklich Zeiten, wo eine nicht geringe Zahl von Juden ihrem Glauben abtrünnig wurden, oder sich zum Abfall zwingen ließen, wie 1492 in Spanien. Aber merkwürdig ist es, daß diese Neigung, Berühmtheiten auf jüdische Abstammung zurückzuführen, immer so eclatant und übermäßig hervortritt. Man erinnere sich der Anekdote, daß, da ein portugiesischer König befahl, daß Alle, in deren Adern jüdisches Blut rolle, eine gelbe Mütze trage sollten, sein Minister am anderen Tage mit einergelben Mütze erschien und ihm, dem Könige selbst, eine solche darbot, denn in Portugal wäre kein adliges Geschlecht, welches nicht mehr oder weniger mit jüdischen Familien eine Liaison gehabt. Eine Erklärung zu finden, wäre nicht schwer. Zu aller Zeit hat der Adel es nicht verschmäht, wenn seine Bermögensverhältniffe zerrüttet waren, Mädchen geringeren Ranges zu erheirathen, wenn sie nur mit recht großen Glücksgütern versehen waren. Auch gab es unter den Töchtern Juda's zu aller Zeit solche, die durch Schönheit und Geist ein jugendliches Herz zu fesseln vermochten. Aber was zu viel ist, ist am Ende doch zu viel, und ein Uebermaß stößt nicht allein gegen die geschichtliche Wahrheit, sondern führt auch zu Lächerlichkeiten, und muß den gerechten Stolz kränken. Die Sucht, hervorragenden Personen, die ihres Glückes eigene Schmiede waren, zu einer besonderen Abstammung zu verhelfen, ist sehr alt unter den Menschen. Als Bespasian, der Urenkel eines Tagelöhners, Kaiser geworden, übergab man ihm eine Genealogie, die sein Geschlecht bis zu Halbgöttern hinaufführte, und der Sprößling eines ein gewanderten Galliers sollte den Gründern einer lateinischen Stadt in der Vorzeit angehören. Er wies sie mit Spott von sich. Ich sah einmal eine zierlich gemalte Geschlechtstafel, auf welcher die Familie eines angesehenen jüdischen Kaufmanns auf ein großes teutonisches Geschlecht zurückgeführt ward. Ein sog. Heraldiker hatte ihm die Tafel überschickt, um dafür