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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-05 · Heft 14 (5.4.1870) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 14 (5.4.1870)
Date
1870-04-05
Page
Seite 277 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zir-enthums. Feuilleton-Beilage pt Rr. 14. Leipzig, den 5. April 1870. Das Gedächtniß im jüdischen Stamme. «Aus dem bald erscheinenden 2. Theil der „ethnographischen Studien über den jüdischen Stamm" von vr. Ad. Jellinek.) Außer der Gabe, sich in die verschiedenartigsten Individualitäten , Gemüthsstimmungen, Seeleuverfassungen und Situationen hineinzuleben und sie durch die entsprechenden Farbentöne, Mienen und Geberden zum Ausdrucke zu bringen, muß der Mime, soll nicht die künstlerische Vollendung einer Rolle durch die Abhängigkeit vom Souffleur gestört werden, ein promptes und ausdauerndes Gedächtniß besitzen — und auch hierin hat der Schauspieler jüdischen Stammes seiner Abkunft viel zu danken: denn die Juden zeichnen sich durchschnittlich durch ein gutes Gedächtniß aus! Dies kann aus der Beschaffenheit des jüdischen Geistes deducirt werden, wird von der Erfahrung unv der Geschichte bestätigt. Es ist nämlich ein Fehler der meisten psychologischen Forschungen, daß sie die Seele nicht als ein Wesen betrachten, in welchem alle Kräfte organisch zusammenhängen und von Anfang an in einer Wechselwirkung zu einander stehen, sondern sie zersplittern und in lose Theile auseinander fallen laffen. Jede einzelne psychische Kraft bildet keinen abgegrenzten Staat für sich und herrscht nicht mit absoluter Machtvollkommenheit; ihre Stärke oder ihre Schwäche hängt von der Energie der andern, mit ihr eng verbundenen Thätigkeit der Seele ab. Sie hat, möchte man sagen, eine constitutionelle Berfaffung — natürlich nach englischem und nicht nach preußischem Muster —, die auf dem Gleichgewicht der verschiedenen Gewalten ruht und nur dann gedeiht, wenn die einzelnen Factoren regelmäßig Zusammenwirken. Es darf das Gedächtniß daher nicht isolirt und von den übrigen Seelenanlagen getrennt werden. Wer die Erscheinungen der Außenwelt vermöge seines pathetischen Ich mit Lebhaftigkeit erfaßt, die in Begriffe verwandelten Eindrücke in Folge seines Scharfsinnes deutlich gestaltet, streng von einander trennt und durch die Auffindung entfernter Aehnlichkeiten wieder leicht verknüpft und ihre Reproduction unterstützt, der kann unmöglich an Gedächtnißschwäche leiden. Die Juden werden daher als ein Stamm, deffen Subjectivität ihn lebhaft macht und deffen Verstand durch Schärfe, Bestimmtheit und rasches Combiniren sich hervorthut, im Allgemeinen mit einem guten Gedächtniffe ausgestattet sein.*) In der That überzeugt uns ein Gang durch jüdische Schulen,daß die meisten jüdischen Kinder sowohl durch ihren frühreifen Verstand als ihr treffliches Gedächtniß die Aufmerksamkeit feffeln, erlernen die Juden sehr leicht verschiedene fremde Sprachen —viele wandernde Juden aus dem Orient sprechen geläufig arabisch, hebräisch, spanisch, italienisch, oft auch deutsch und französisch. Heinrich Heine,Salomon Munk, Julius Oppert, E. Horn und Albert Cohn veröffentlichten Schriften in deutscher und französischer Sprache, der Borletztgenannte auch magyarisch — und die Geschichte liefert zahlreiche Belege für unsere psychologische These. Den Lehrern der Mischnah und des Talmuds, den Männern der Halacha und der Hagada, ist die hebräische Bibel sehr geläufig, was bei dem Umstande, daß in der mischnisch-talmudischen Epoche geschriebene Bibeln nicht immer bei der Hand und wegen ihres Umfanges nicht zum raschen Nachschlagen eingerichtet waren, ein starkes Gedächtniß voraussetzt. Von R. Meir wird ausdrücklich hervorgehoben, daß er das Buch Esther von Anfang bis zu Ende aus dem Kopfe schreiben konnte. Die neuhebräischen Dichter und Prosaiker legen einen Werth darauf und betrachten es als einen stilistischen Schmuck, Sätze und Redensarten der Bibel zu entlehnen, sie im ursprünglichen oder in einem andern Sinne zu gebrauchen, und führen dies mit einer solchen Virtuosität aus, daß man ihr stets bereites Gedächtniß, das selbst die biblischen Eigennamen behält, oft bewundern muß. *) Carns nennt das Gedächtniß „ein Ur-Pbänomen des psychischen Lebens, analog der Wirkungsweise des Spiegels und Magneten. Je klarer man etwas mit dem Geiste fasse, je reiner und ftischer müßten auch die Spiegelungen sein." Vollgraff, Anthropognosis 93. Nach demselben a. a. £. S. 104, besitzt das lebhafte Temperament ten stärksten Selbsterhaltungstrieb und hat ein sehr gutes Gedächtnis;.

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