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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-04-05 · Heft 14 (5.4.1870) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 14 (5.4.1870)
Date
1870-04-05
Page
Seite 271 (sequence 11)
Language
German
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271 nett; allein es hat Jeder von uns, was er braucht und auch noch zum Mittheilen an Andere, und es kann Jeder lesen und schreiben und sich in seiner Sprache schriftlich und mündlich richtig ausdrücken. Wir haben keine eigentlichen Armen unter uns und, was noch mehr werth ist, keine einzige schmutzige Seele." Kreis Telschen <Gouv. Kowno), 25. Febr. (Privatmitth.) Das Blut der sieben unglücklichen Opfer von Groß-Ruschupp*- ist umsonst geflossen, die entmenschten Mörder wandern unangefochten auf Gottes Erde; das Schwerdt der Nemesis erreicht sie nicht. Wohl war man anfangs auf die Spur der Verbrecher gekommen; der Schneckengang unsrer Justiz gewährte indeß denselben die Möglichkeit, jede gravirende Spur zu verwischen. Am 5. October (alt. St.» wurde der siebenfache Mord, verschärft durch einen Brandmord, begangen. Der locale Polizeibeamte, welcher Tags darauf zur Stelle kam, wollte sofort die ganze Geschichte vertuschen und die sieben verstümmelten Leichen ohne Weiteres der Erde übergeben. Sein Schriftführer soll dabei die charakteristischen Worte geäußert haben: „Große Herrlichkeit! Sieben Judenseelen weniger!" Indeß lagen die Abzeichen eines unerhörten Verbrechens zu klar am Tage. Der unglückliche Vater der hingemordeten Familie, der selbst nur durch einen Zufall dieser schauderhaften Katastrophe entgangen, trat in die Schranken. Der Vorfall wurde nach der Kreisstadt, Telschen, berichtet. Am 6. October kam zur ersten Untersuchung aus Telschen der zur Zeit interimistische Kreishauptmann Ti miras ew, ein kernbraver, unbestechlicher Mann. Spuren des Verbrechens wurden entdeckt. Einige Bauern, deren Kleider Blutflecke zeigten, wurden verhaftet. Die Sache sollte ins gehörige Gleise kommen. Da wurde, beim Uebergang des Processes an den Untersuchungsrichter, der Fortgang desselben gehemmt. Es hieß, der Generalgouverneur werde mit der Leitung des Processes einen seiner Beamten zu besonderen Aufträgen betrauen. Nun vergingen anderthalb Monate, Niemand erschien. Der Vater der Opfer telegraphirte nach Wilna und bekam zur Antwort: die Sache werde dem telsche'schen Kriegschef*) (Woienny-Natschalnik) übertragen werden. Darauf verstrichen neue anderthalb Monate und erst im Januar a. c. wurde die Angelegenheit durch den gewöhnlichen Untersuchungsrichter ausgenommen. Nun aber war jede Spur verwischt, die verdächtigen Bauern auf das Verhör wahrscheinlich gehörig vorbereitet und in vergangener Woche find dieselben auf freien Fuß gesetzt worden, ohne daß das peinliche Gericht Spuren anderer Uebelthäter entdecken konnte. So schreitet ein siebenfacher Mord, unbestraft, trotzigen Hauptes, durch unsere Auen und spottet der menschlichen Gerechtigkeit! Diese ungeahndete cannibalische Blutthat hat bereits anderweitige Folgen gehabt. Vorgestern (am 23. Februar) wurde abermals eine jüdische Familie, Mann und Frau, im Kruge Teterwina, Bezirk Georan, unweit Plungiany ermordet. Die Leichen sind mit zerschlagenen Köpfen und von Wunden bedeckt, ein blutiges Beil, das Werkzeug des Mordes, lag dabei. Ihre beiden kleinen Kinder sind am Leben gefunden. Die erste Untersuchung ist eingeleitet; Weiteres noch nicht bekannt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß dieser neue Mord ebenfalls von Bauern begangen ist. Außer diesen beiden Mordfällen sind andere Zeichen einer feindseligen Stimmung der Bauern gegen die hiesigen Juden auf dem flachen Lande vorhanden. Bor einigen Wochen wurde im sogenannten Poschiner Wald, 12 Werst von hier, von einigen Bauern, Holzfällern, der Versuch gemacht eine ganze jüdische Familie zu vergiften. Glücklicherweise kam medicinische Hilfe noch zur rechten Zeit. In Schalanren wurden 2 jüdische Mädchen von Bauern entführt und gleichsam mir Gewalt getauft. Die in einigen Bauern - Communen dienenden jüdischen Schreiber werden verfolgt und entlassen, trotzdem daß die Friedensrichter mit den Leistungen derselben zufrieden sind. Sollte nickt diesen Excessen durch einen exemplarischen Richterfpruch ein kurzes Ende gemacht werden, so könnte sich für unsere armen Glaubensgenossen bei uns auf dem *» Name des Kruges im Telschen'scheu Kreise unweit Schanden, wo eine jüdiscke Familie von sieben Personen in einer Nacht ermordet und darauf sammt dem Hause angesteckt und verbrannt wurde. Corresp. *) Unsere Gegend ist seit dem letzten polnischen Aufstande noch immer im Kriegszustände. Corresp.. 14*

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