Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 14 (5.4.1870)
- Date
- 1870-04-05
- Page
- Seite 270 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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270 Italien. Mailand, 15. März. Aus den „Römischen Briefen" der Mailänder Zeitung „Puugolo" Nr. 71 vom 13. März 187V entnehmen wir folgende wahrhaft schaurige Thatsache: Die Ueberfülle des Stoffes erlaubte mir in meinem letzten Briefe nur in einer leisen Andeutung eines Vorfalles zu erwähnen, der als eine Wiederholung des Mortara-Raubes gelten kann und nicht weniger Aufsehen machen wird. In Ferrara lebte bei ihren Eltern ein jüdisches Mädchen, dessen heiteres und fteundliches Wesen und gefälliger Charakter ihm unglücklicher Weise die Zuneigung des Ortsgeistlichen zuzogen. Es wurde demselben nicht schwer, mittelst Schmeicheleien und anderer dieser Kaste eigene Künste, das Mädchen in seinen Ueberzeugungen irre zu leiten und nach und nach dahin zu bringen, daß es sich seinem unkeuschen Willen ergab. Sei es, daß der Pfaffe gesättigt war, oder glaubte seinen Fehler wieder gut machen zu sollen, genug, er überredete das Mädchen mit Versprechungen von goldenen Bergen so lange, bis es einwiüigte, zum Christenthum Lberzutreten, sein väterliches Haus verließ und fick taufen ließ. Ohne Flucht hätte jedoch die Thal nicht lange verheimlicht werden und ungestraft bleiben können, weshalb der Pfaffe das Mädchen nach Rom sandte, wo es in ein Kloster eingesperrt wurde. Da sah sich die unglücklich Verführte bitter betrogen und aus Verzweiflung stürzte sie sich aus dem Fenster. Wie durch ein Wunder kam sie mit dem Leben davon und als sie von den erlittenen Quetschungen wieder geheilt war, wurde sie einem andern Kloster in der Jbernesi-Straße übergeben. Allein auch da fingen die Peinigungen vou Neuem an, um sie zu überreden, den Schleier zu nehmen, so daß sie sich zum zweiten Mal aus dem Fenster stürzte, diesmal jedoch nicht ohne einen schweren Hüsteubruch davouzutragen, so daß sie in das Spital äeUa Consolazione gebracht werden mußte, wo sie noch gegenwärtig liegt. Allein auch da lassen die Pfaffen ihr keine Ruhe und keine andere Wahl als Kloster oder Selbstmord! Wie lange läßt die göttliche Langmuth noch eine Regierung bestehen, welche solche Infamien duldet? Die Zeit wird lehren. Ter Name der Unglücklichen ist Maria Megli. — Wir haben zu dieser Nachricht nichts hinzuzufügen — wir wissen: der Tag der Vergeltung bleibt nicht aus! Dänemark. Kopenhagen, im März. lPrivatmirth.» Wir verloren durch den Tod eine der achtungswehrthesten Frauen unsrer Gemeinde, die Frau Witlwe Eibenschütz. Nach dem Tode ihres sel. Mannes erhielt die hiesige jüdische Gemeinde als Legat 300,000 Thlr. und die Stadt 200,000 Thlr. zu wohlthätigen Zwecken. Jetzt erhält die jüdische Gemeinde abermals 120,000 Thlr. Legat. Alle hiesigen Zeitungen spenden der Verblichenen die hohen Lobsprüche, die sie so sehr verdiente. Rußland. Petersburg, 25. Febr. Sei längerer Zeit beabsichtigen die hiesigen Israeliten ein Etablissement zu gründen und mit den erforderlichen Mitteln auszustatten, in dem arme zureisende Juden Aufnahme und Pflege so lange finden, als es die Umstände erheischen. Zur Förderung dieses wohlthätigen Zweckes ist ein besonderes Comite geblltet. Diesem Comits wurde am 18. d. M. von den hier lebenden Karaiten die Summe von 5000 Rubeln übersandt mit einem Begleitschreiben, in das ich durch Zufall Einsicht erlangte und das also lautet: „Wenn Ihr auch, die Ihr Euch für allein rechtgläubige Juden haltet, uns verachtet wegen unserer einfachen Sitten und unseres bescheidenen Wirkens, und Einer aus Eurer Mitte in einer Versammlung uns vorwarf, daß wir weder durch Handelsgeist uns ein hervorragendes Vermögen zu erwerben verstehen, noch uns auf dem Gebiete der Künste und Wissenschaften auszuzeichnen wissen, so zürnen wir Euch doch nicht, und zum Beweise dafür bitten wir beigchende kleine Gabe als Beisteuer zu dem wohlthätigen Zwecke, den Ihr für die Bedürftigen Eurer Leute vorhabt, freundlich annehmeu zu wollen und noch eine Bemerkung uns zu erlauben. Es ist richtig, daß wir gegen Euch zurückstehen und weder Rothschilde noch vorragende Geister, wie Ihr sie habt, zu den Unfern zählen kön-