Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-29 · Heft 13 (29.3.1870) · p. Seite 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 13 (29.3.1870)
Date
1870-03-29
Page
Seite 259 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226758--28222-3302037
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

259 > % jetzt der einzige Israelit in den skandinavischen Ländern ist, der den Adel besitzt. Mit Vergnügen heben wir hervor, daß Herr Gedalia auch ein warmes Herz für seine Religion besitzt und der jüdischen Gemeinde stets «ne innige Theilvahme widmet. Wir geben hier diese Skizze, weil sie in besonderer Weise den Glückswechsel bezeichnet, der in unserer Zeit möglich ist und nicht zu den außerordentlichen Seltenheiten gehört. Die Industrie offenbart ihre Wunder nickt blos an den materiellen Werken, sondern auch an den Personen, wenn sie in diesen auf Talent und Thatkraft stößt. Ein Frühlingsgruß. Die Sonne lächelt einmal wieder golden vom blauen Himmel herab, und legt ihren Schimmer über Rasen, Sträucher und Bäume, über die Flur und die nahen Höhenzüge. Frei strömt schon die grüne Welle res Flusses von den Bergen zum Meere hin, und durch die warme Luft flattern die Bögel, zwitsckernd und ihre Melodien frisch und ftöhlich versuchend. Der Frühling ist da. Lange genug stritt mit ihm der Winter um das Dasein, und hatte es fast den Anschein, als als ob dies Mal die Jugend dem Alter keinen Raum und keine Macht abgewinnen würde: so warf jener immer wieder seine rauhen Winde, seine kalten Regengüße, feinen nächtlichen Reif dem Frühling vor die Füße, daß dieser nicht vorwärts zu schreiten vermochte. Aber in der Natur wie in der Menschenwelt kann wohl das Verlebte und Absterbende die Herrschaft der neuen Entwickelung und ihre Blüthe verzögern, aufhalten und beschädigen — aber zuletzt muß es dieser dennoch weichen, und schwinden. Blicke ich jedoch jetzt hinaus in Garten, Flur und Wald, was sehe ich? Die grünen Spitzen des Rasens drängen sich überall hervor; aber die vergilbten Halme des Grases, die der Frost des Winters getödtet, behaupten noch ihren Platz neben jenen. An Strauch und Baum keimen die Blüthen- und Blätterhüllen in reichster Fülle hervor, und versprechen für dieses Jahr einen Reichthum an Blüthen und Früchten, wie selten; aber imrver noch hängen abgestorbene Ranken, leblose Reiser, verwelkte, rauschende Blätter an den Zweigen. Die braune Erde ist nur noch mit wenigem Grün der aufsprießenden Wintersaat bekleidet; die dürren Aeste strecken sich sonderbar in die laue Luft und den glänzenden Himmel und laßen die gefiederten Wanderer des Südens sich verwundert nach dem grünen Laube umschauen, das sie erwarteten, aber noch nicht fanden. Dieser Anblick regt in uns einen eigenen Gedanken auf. Man vergleicht gewöhnlich das Leben des Menschen in seinen verschiedenen Altersstufen mit einer Pflanze, die auffprießend, wachsend, blühend, Früchte reifend, allmälig welkt und abstirbt. Die Jugend ist die Zeit der Blüthe; das Mannesalter die Zeit der Fruchtreife; der Greis welkt und stirbt ab. Uns erscheint dies nicht so. Ist das Leben gesund und kräftig, so gleicht der Mensch mit seinem innen waltenden und fort und fort sich entfaltenden Geiste nicht der Pflanze, die nach obigem Schema ihr Dasein unveränderlich abkreist. Wir halten vielmehr dafür, daß man das menschliche Leben mit seinen aufeinander folgenden Perioden eher mit den einander folgenden Gürteln der Klimate auf diesem Erdbälle vergleichen könnte, von denen jedes eigenartig seinen Charakter hat, seine Erzeugniße hervorbringt. Wie dort die heißen, die gemäßigten und die kalten Zonen nirgends von Leben und schöpferischer Kraft entblößt find, und selbst der höchste Norden noch seine eigenthümlichen Geschöpfe, die in Wesen und Form ihre originelle Beschaffenheit haben, bildet: so stellen sich im Menschen dem prüfenden Auge die verschiedenen Lebensalter dar. Jedes hat feine vorherrschende Richtung, seine besonderen Eigenschaften, seine Vorzüge und Nachtheile, und schafft aus diesen heraus seine Gedanken und Gefühle, seine Handlungen und Werke in besonderer Art, nur daß, wie dort die Palme und die Zwergtanne doch im Grunde ein und denselben Urtypus haben und nach einem und demselben Gesetze werden und bestehen, auch die Lebensalter eines und desselben Menschen dieselben Grundzüge besitzen. Stehe ich vor einem lebensreichen und geisteskr ästigen Menschen, welchem Alter er auch angehöre, so gewahre ich welke Blatter und abgestorbene Ranken aus seiner Vergangenheit und tüchtige Ansätze von Blüthen und Früchten für seine nahe Zukunft. Auch das Alter zeigt mir dieses Bild, und bei ihm wie bei der Jugend wird es nur darauf ankommen, ob die Jahreszeit günstig ausfallen werde, um die Knospen und Fruchtknoten zur Entfaltung zu bringen, oder sie durch plötzliche Nachtftöste zu tödten, durch jähen Sturm sie zu brechen oder durch giftige Raupen sie zu verderben. Sv sei uns Allen der kommende Frühling eine schöne Lenzeszeit, die uns erquickt und erfrischt und bis in das innerste Herz den ftöhlichen Jubel des Daseins legt. Unter seinen goldenen Sonnenstrahlen, seinen lauen Lüften, seinem Blüthenduft und Vogelfang, unter seinem Laubdache und Blüthenkleide schwelle uns das Herz, erhebe sich unser Geist, stärke sich unsere Kraft, daß auch unsere Seele ihre welken Blätter abzuschütteln und ihre Knospen zu treiben und zu öffnen vermöge. Wir werden uns dann Alle jung und frisch, für das Leben strebsam und schaffend empfinden, und sich uns noch Manches zeitigen, was jetzt unscheinbar in der Hülle liegt. Gott sei mit Allen, die sich im Hauche und Glanze des Frühlings Ihm nahe fühlen! * ♦

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.