Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1870)
- Date
- 1870-03-29
- Page
- Seite 258 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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258 setzt hatten, nicht aus ihnen vertrieben, und mochten sie auch anfänglich etwas von ihrem Einfluß und Ansehen verlieren, sie gewannen es bald wieder zurück, und bildeten weiterhin eine reiche und mächtige Claffe in den Städten Septimaniens, die seit dem Ende des elften und im Laufe des zwölften Jahrhunders kleine Republiken wurden, ein seltsames Gemisch von Feudalherrschaft und Demokratie. Innerhalb dieser jüdischen Bevölkerung der Städte, um die es sich handelt, entstanden allmälig Schulen, wo man außer der besonderen Kenntniß des jüdischen Gesetzes und Glaubens, verschiedene Zweige des menschlichen Wissens lehrte, wie Medicin, Astronomie und Philosophie. Diese Schulen sind heutzutage nur durch das Zeugniß Benjamins, des gelehrten Rabbi von Tudela in Spanien, bekannt, welcher sie in der zweiten Hälfte des zwölften Jahrhunderts auf einer großen Rundreise besuchte, die er unternahm, um sich von der Lage feiner Brüder in den verschiedenen Landern, wo es deren gab, zu versichern. Die jüdischen Schulen Septimaniens waren allem Anscheine nach schon alt und seit lange blühend zu der Zeit, auf die sich das, was Benjamin von ihnen überliefert, bezieht. Er nennt die in Narbonne als die Hauptschule, welche allen anderen zum Vorbild oder zur Richtschnur diente; er spricht sodann hinter einander von denen zu Beziers, Montpellier, Lunel, Beaucaire und Marseille, indem er in jeder Lehrer nennt, die sich durch ihr Wiffen, ihren edlen Charakter und ihren Eifer für die Unterweisung in ihrem Gesetz auszeichneten. Es ist sehr wahrscheinlich, obwohl man es nicht positiv behaupten kann, daß diese Schulen ausschließlich von den Juden besucht wurden. Aber man begreift doch, daß Männer, die durch ihr Wisien berühmt, nur in kleinen Entfernungen von einander ansässig waren, in einem Lande, wo sie schon eine große Bedeutung durch ihren Reichthum und ihre abgesonderte Stellung hatten, nothwendiger Weise einigen Einfluß auf die allgemeine Cultur dieses Landes haben mußten. Als Beweis dieses Einflusies kann man ein ziemlich bemerkenswertes Factum anführen, wenn es auch nicht direct Bezug auf die Literatur oder die Wissenschaften hat. In mehreren der Städte nämlich, wo es Schulen für den Unterricht im jüdischen Gesetz oder im Talmud gab, z. B. in Montpellier und Narbonne, nannte man die Sammlung der Municipalgesetze, den Codex der städtischen Freiheiten und Gerechtsame, Tal amu; oder die Talamus, eine leichte Umgestaltung des Namens Talmud. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß durch die Vermittelung der Lehrer dieser jüdischen Hochschulen Geistliche oder Gelehrte des Landes Arabisch lernten, und sei es im Urtext, sei es in Uebersetzungen von verschiedenen literarischen oder wissenschaftlichen Denkmälern der Araber, besonders von ihren Abhandlungen über Astronomie oder Astrologie und Medicin Kenntniß bekamen. Ja, in Bezug auf die Medicin geht es noch weiter: es scheint 'estzustehen, daß die Juden von Montpellier directen Anthell an der Schaffung der berühmten Hochschule dieser Stadt hatten." Baron Gedalia. Kopenhagen, im März. Der portugiesische Generalconsul Gedalia allhier ist in diesen Tagen von der italienischen Regierung zum Baron erhoben worden, und es wird Ihre Leser interessiren, einige Notizen aus dem Leben dieses ehrenwerthen Glaubensgenossen entgegenzunehmen. Er ist ein Abkömmling des bekannten, ftommen Rabbiners Gedalia von Kopenhagen. Seine Eltern waren in große Armuch gerathen und bewohnten das Armenhaus, in welchem unser Gedalia geboren ward, und die jüdische Freischule besuchte. Als 13jähriger Knabe wurde er nach der Bar Mizwa entlassen und zu einem Sattlermeister in die Lehre gegeben. Er wurde Gesell und arbeitete als solcher mehrere Jahr. Unbefriedigt von diesem Berufe, aufstrebend und ehrgeizig, verließ er diesen Stand, und etablirte sich vor ungefähr 20 Jahren am hiesigen Platze als Banquier. Das Banquiergeschäft war damals hier sehr vernachlässigt, und Gedalia ersetzte durch Energie, Gewissenhaftigkeit und Geisteskraft, was ihm an äußeren Mitteln noch fehlte. So brachte er das Geschäft auf eine Höhe, wie es einem Handelsplätze von der Bedeutung wie Kopenhagen angemessen war. Da erwählte das Pariser Haus Rothschild die Firma G. A. Gedalia & Comp, zu seinem Agenten für Dänemark. Hiermit war die Wirksamkeit und der Glanz dieser Firma begründet und ein Filiale in Norwegen trug reiche Früchte. Die dänische Regierung vertraute ihre meisten finanziellen Geschäfte diesem Hause an. Portugal, das hier keinen besonderen Gesandten hält, wählte Herrn Gedalia als Generalconsul zu seinem polittschen Bertteter und belohnte seine Verdienste mit dem Commandeurrang seines höchsten Ordens. Ebenso wurde er zum Commandeur des italienischen Kronenordens erhoben und erhielt eine gleiche Auszeichnung von Schweden, als er im vorigen Jahre bei der in einigen schwedischen Provinzen stattfindenden Hungersnoth mit großer Mühewaltung eine bedeutende Sammlung für die Bedürftigen jener Provinzen veranstaltet hatte. Wenn Herr Gedalia sonst mit bedeutenden Aeußerungen seines Wohlthätigkeitssinnes nicht in die Oeffentlichkeit tritt, so weiß man hier sehr wohl seine außergewöhnliche Privatwohlthätigkeit zu schätzen. In jüngster Zeit hat er der italienischen Regierung ein geniales Exposs über die Finanzlage dieser Regierung und über die Mittel, dem jährlich wiederkehrenden D»- ficit abzuhelfen, eingesandt, und in Folge dessen hat der König von Italien Herrn Gedalia für sich und seine Nachkommen die Baronswürde ertheilt, so daß er bis > % * ♦