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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-29 · Heft 13 (29.3.1870) · p. Seite 257

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 13 (29.3.1870)
Date
1870-03-29
Page
Seite 257 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zir-cnthums. Fenilleton-LeUage ju Ur. 13. Leipzig, den 29. März 1870. Die Stellung der Juden zur provenzalischen Cnltnr im Mittelalter. Es ist im größeren Publicum und selbst in der Gelehrtenwelt nur ein allzu verbreitetes Voruriheil, das Judenthum des Mittelalters mit allen seinen Jntereffen und Bestrebungen als einen in seinen Ghetto's in sich abgeschlossenen, numerisch winzigen Volksbesiandtheil sich vorzustellen , der bei seinen eigenthümlich fremdartigen Lebensformen und der starken Abneigung, mit der ihm alle Klassen der Landesbevölkerung fast überall begegneten, in keine innigere Berührung mit der Außenwelt kommen konnte und wollte, und ihm somit jede Einwirkung aus die Gestaltung der Cultur jener Zeiten sowohl als auch jede eigene Beeinflussung seitens letzterer abzusprechen. Wie wenig dies aber den Thatsachen entspricht und wie vielmehr das verhältnismäßig hohe geistige Leben der damaligen Juden auf die Entwickelung. der mittelalterlichen Civilisation und Gelehrsamkeit einen nicht zu unterschätzenden Einfluß übte, kann dem ernsten Forscher, der vor Allem nach den Ursachen und den bestimmenden Nebenumständen in den Erscheinungen des Dölkerlebens sucht, nicht entgehen, und so hat denn auch der namentlich durch seine bedeutenden Untersuchungen im Bereich des Volksepos auch in weiteren Kreisen rühmlichst bekannte Literarhistoriker C. F auriel in seinem trefflichen Werke: „llistoire de la poesie proven^ale“ nicht verabsäumt, den Juden in ihren Beziehungen zur südfranzösischen Cultur ihre gebührende Stellung zuzuertheilen. Es ist gerade das Hauptverdienst dieses Werkes, nicht nur von jener merkwürdigen Erscheinung der provenzalischen Literatur ein anschauliches und vollständiges Bild zu liefern, ihre Originalität und ihre nothwendige Voraussetzung - für die gesammte europäische ritterliche Poesie klar nachzuweisen, sondern vor Allem auch ihre Entstehung und Entfaltung aus den gegebenen Ursachen und historischen Verhältnissen in scharfsinniger Weise und mit treffender Kritik herzuleiten. Hierbei war es unumgänglich nothig, auf die Beziehungen zwischen der arabischen Poesie, die damals in Spanien eine seltene Blüthe erreicht hatte, und der der Provenzalen naher eiuzugehen. Muß nun Fauriel auch dabei jede Verwandtschaft zwischen beiden in gedanklichem Inhalt und poetischem Ausdruck ableugnen, und die Anschauung, als ob die Provenzalen ihre Kunst überhaupt erst von den Arabern überkommen hätten, bestimmt zurückweisen, so führt er nichts desto weniger aus, wie die Araber Spaniens einen unmittelbaren Einfluß auf die besondere Civilisation des südlichen Frankreichs und damit auf die provenzalische Poesie hatten, die ja doch nur Ausdruck und Resultat der letzteren war. Er zeigt, wie die Araber, länger als ein halbes Jahrhundert die Beherrscher des südwestlichen Frankreichs, hier als die Hohercivilisirten mannigfache Künste, Industriezweige und Kenntnisie verbreiteten und einbürgerten. Das Verdienst aber, diese Masie neu eingeführter Ideen, Gebräuche und industrieller Verrichtungen auch nach der gänzlichen Vertreibung der Mauren aus diesen Gegenden bewahrt und erhalten zu haben, schreibt der Verfasser zum großen Theil dem Verdienst der Juden zu. Fauriel schreibt hierüber: „Indem die andalusischen Araber Septimanien (d. h. den Theil Frankreick's zwischen Pyrenäen und Rhone einer-, Sevennen und mittelländischem Meere anderseits) als politische Eroberung aufgeben mußten, ließen sie hier die zurück, welche man als die Vertreter ihrer geistigen Cultur bezeichnen kann. Sie ließen die Juden zurück, welche in gewisier Beziehung ihre wisienschaftlichen Vermittler wurden. Die Juden übten im Mittelalter auf die europäische Cultur im Allgemeinen und auf die des südlichen Frankreichs im Besonderen, einen Einfluß, der nur ungenügend bekannt und von der Geschichte der Civilisation und der Wissenschaften bisher unglücklicher Weise nur zu wenig beachtet worden. Ueberall, wo vie Araber als Eroberer auftraten, stellten sich die Juden in ihrem Gefolge ein und fanden immer die Mittel, sich einen guten Theil der Ehren und Bortheile der Eroberung anzueignen. Ueberall bildeten sie neben den Arabern eine reiche, thatige, einsiußreiche und von ihrer ganzen Umgebung sich unterscheidende Claffe. Diese Claffe bildete sich in den Städten Septimaniens, wie auch anderswo, als diese Städte von den andalusischen Arabern erobert wurden. Als die Christen diese Städte zurückerobert halten, wurden die Juden, welche mit den ersten Eroberern sie be-

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