Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1870)
- Date
- 1870-03-29
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 berten, vertheidigten, die linke Hand aber zugleich der Wissenschaft, der Cultur, dem Liberalismus boten: sie müssen sich jetzt entscheiden. Wir Haben viele von diesen Herren ruhig beobachtet; sie hatten sich in einen so angenehmen Frieden hincingelebt, indem sie die Kirche so stattlich aufwachscn und ihre Schatten weiter und weiter breiten sahen, und doch ebenso den Staat, die Gesellschaft in ihrer raschen Entwickelung in ihrer Selbstständigkeit als vollberechtigt betrachteten. Da in den meisten Staaten die Cultusministericn clerical waren, so machten sich die Dinge ja ganz vortrefflich. Sie sind nun sehr verblüfft, auf einmal an einem Scheidewege zu stehen; aber die Curie läßt ihnen kein Entwischen, sie müssen wählen, und der eine wird rechts, der andere links gehen. Biele freilich bilden sich ein, die Sache werde doch friedlich ablaufen; das neue Dogma werde in den Büchern stehen, wo schon so viele stehen, und im Leben werde man nichts weiter davon verspüren. Wir glauben, sie irren; der Geist unsrer Zeit läßt sich nicht so schnell einschläfern, dieser Geist treibt die Geister an und läßt sie nicht ruhen, und cs werden genug ausrrcteu, welche wieder und wieder rufen: Ihr müßt Euch entscheiden, und die Lüge muß fallen! Was uns Juden betrifft, so mag es uns dabei ins Bewußtsein, und aus diesem in das Herz -ziehen, daß uns dergleichen niemals geboten worden und geboten werden kann, und daß wir von dergleichen Dogmenkram vom Beginn an freigeblieben sind, und daß für uns Vernunft und Geschichte allerdings ihre Bedeutung, ihre Nothwendigkeit haben. „Kein Mensch schauet mich und lebet." (2 Mos. 33, 20). „Ist vor Gott ein Mensch unfehlbar, vor seinem Schöpfer rein ein Mann? Siehe, seinen Dienern traut er nicht, findet Jrrthum in seinen Engeln, geschweige an denen, die Hütten von Lehm bewohnen, deren Grund auf Staub." (Hiob 4, 17 ff.) Dies ist die Lehre des Judenthums. Unser Moses ließ sich von einem einfachen Hirtenpriester belehren, der zu ihm sagte: „Nicht gut ist es, was du thust" (2 Mos. 18, 17), und die Schrift erzählt uns, wie Moses gesündigt und wie er dafür bestraft worden. Das Buch Jonah lehrt ausdrücklich, daß die Weissagungen der Propheten öfter nicht in Erfüllung gehen, also irrig sind, weil sie ebenso unter dem Rathschlusse Gottes stehen, wie die Gedanken der übrigen Menschen. Der Talmud vergleicht das Schauert der Propheten mit einem Spiegel, der mehr oder weniger trübe ist. Und das sind dock die Propheten! Köln, im März. (Privatmitth.) Das voit den HH. Gebrüder Eltzbacher, hier und in Amsterdam wohnhaft, an hies. Platze gegründete „Israelitische Asyl für Kranke und Altersschwache" har durch königlichen Erlaß vom 5. Jan. e. die landesherrliche Genehmigung und die Rechte einer juristischen Person erhalten. Die k. Regierung zu Cöln bringt diesen Erlaß sammt dem genehmigten Statute in ihrem Antsblatte vom 2. März zur öffentlichen Kenntniß. Aus dem letzteren heben wir folgende ZZ heraus: In dieser Stiftung sollen arme Kranke und altersschwache Leute, deren Unfähigkeit, ihr Leben durch eignen Erwerb zu fristen, nachgewiesen ist, zur unentgeltlichen Pflege aufgeuommen werden, wobei das re ligiöse Bekenntniß des die Aufnahme Nachsucheuden nicht als Ausschließungsgrund betrachtet werden soll. $ 20. Tie inneren Einrichtungen und die Hausordnung des Asyls müssen den jüdischen rituellen Ge setzen entsprechen und ist auf die religiösen Ansprüche der in dasselbe Anfgenommenen jede mit dem Charakter der Anstalt zu vereinbarende und sonst thunliche Rücksicht zu nehmen. Jedoch darf kein in die Anstalt Aufgenommencr zu einer religiösen Handlung gezwungcu oder von der Verwaltung, den Aerzten oder Angestellten auch nur veranlaßt werden. Vielmehr ist Jedem in dieser Beziehung innerhalb der Hausordnung völlige Freiheit zu lassen. Nach $ 0 gehört der jeweilige Rabbiner der Synagogen Gemeinde Cöln als geborenes und stimmberechtigtes Mitglied zum Curatorium, sowie außer den Gebr. Eltzbacher als Gründern der Or. Ludwig Philippson in Bonn zum Ehrenmitglied des Curatoriums ernannt und bestätigt worden. Fürth, im März. «Privatmitth.) Die hiesigen städtischen Collegien haben Herrn Banquier und Gemcindcbcvollmächtigtcn Salomon Berolzheimer als Mitglied für den mittelfränkischcn Landrath zu 'Ansbach, ein die Interessen des Kreises berathendcs Collegium gewählt, ein für die Wähler sowie für den Gewählten, der schon viele Jahre verschiedene Ehrenämter sowohl in der politischen als auch in der jüdischen Gemeinde bekleidet, gleich ehrendes Zeugniß. Auch in Oberfranken wurden Fabrikbesitzer G. Silberl:i*