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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-29 · Heft 13 (29.3.1870) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 13 (29.3.1870)
Date
1870-03-29
Page
Seite 245 (sequence 5)
Language
German
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245 weniger, in folgender Weise: Wenn an einem Orte die Zahl der Eingewanderten bis zu einem Minjan angewachsen war, so richtete man ein Zimmer, das man entweder miethete, oder das von einem der Theitnehmer zur Verfügung gestellt wurde, zu einem Betlocale ein. Da damals fast Alle durch Hausirhandel (peckeUe) aus dem Lande sich ernährten und nur zweimal des Jahres, zum Peßachfeste und zu den Herbstfeiertagen, nach Hause kamen, so beschränkte sich Anfangs der Gottesdienst blos auf diese Tage, und glücklich genug, wenn sich einer unter ihnen fand, der den (5Hasan improvisiren konnte. So vegetirte die kleine Colonie eine Zeit lang als Minjan. In den meisten Fällen war es erst der Tod, der die Gemeinde in's Leben rief. So sonderbar dieses auch klingen mag, so wahr ist es. Es ereignet sich ein Todesfall in der kleinen Genossenschaft; nun erst fühlt man sich in die Nothwendigkeit versetzt, ein Stückchen Land zum gemeinsamen Begräbnißplatze anzukaufen. Um dieses besitzen zu dürfen — dazu bedarf es eines Freibriefes (Charter) von der gesetzgebenden Versammlung des Staates, der auch ohne Weiteres, und zwar in der Form, wie ihn die Petenten wünschen, (natürlich unentgeltlich) ertheilt wird. Der Freibrief macht die Gemeinde. Dieselbe wird von Jahr zu Jahr stärker; man sieht sich nun nach einem Schochet um; steckt ein kleiner Chasan in ihm, desto besser für ihn und die Gemeinde. Ist er obendrein Mohel, so ist sein Glück gemacht; denn dieses letztere Amt wird sehr gut honorirt, — natürlich nicht von der Gemeinde, sodern von den Einzelnen, die die Dienste des Mohel in Anspruch nehmen. Ich kenne mehrere, die einzig und allein von diesem Geschäfte — denn als solches wird es hier betrieben — sich ernähren, und zwar reichlich. — Die Gemeinde wird stärker und vermag es nun schon, sich um einen „wirklichen" Chasan umzusehen, „der womöglich auch Vorträge halten kann." Wozu hätten denn Salomon, Kley, Mannheimer u. s. w. ihre Sachen drucken lassen? Aus den kleinen Gemeinden wurden große, aus den armen Hausirern reiche Geschäftsmänner, die sich in den Städten etablirten. Zudem brachte das Ende der vierziger Jahre eine bessere und gebildetere Classe von Einwanderern nach Amerika, die auch meistens mit Mitteln versehen die Heimath verlassen hatten. Während die alten Einwanderer mit ihren religiösen und gottesdienstlichen Anschauungen und Einrichtungen noch auf dem Standpunkte von 1825 standen und es nicht für möglich hielten, daß man ohne den doppelten Jekum Purkan ein gläubiger Jsraelite sein könne, ja, kaum eine Ahnung davon hatten, daß in der Zwischenzeit in der alten Heimath die Dinge sich doch ein Bischen geändert hätten: brachten die neuen Ankömmlinge neue Anschauungen mit, und bald stellte sich in fast allen Gemeinden das Bedürfuiß nach Verbesserung des Gottesdienstes, nach Chorgesang und Musik, nach gebildeten Rabbinern und Cantoren u. s. w. heraus und wuchs von Tag zu Tag. D i e größeren Gemeinden hingegen, die diesen Forderungen kein Gehör gaben, weil der eine oder andere Fanatiker in derselben durch seinen Reichthum, durch seine Familienconnexionen oder durch seine — Unverschämtheit die bessere Stimmung — wenigstens eine Zeit lang — niederzuhalten vermag, gehören zu den Ausnahmen und gehen mehr und mehr dem Verfalle entgegen, während jene, welche die Stimme der Zeit verstehen, von Tag zu Tag an Mitgliederzahl und Festigkeit gewinnen. Fügen wir noch Einiges über die innere Organisation der Gemeinden hinzu, und wir sind mit der ersten Frage fertig. Nachdem durch die Erlangung des Freibriefes und durch die Annahme der Verfassung, deren Ausarbeitung einem Ausschuß übertragen worden war, die Gemeinde sich constituirt hat, geht sie an die Wahl ihrer Beamten, die fast in allen Gemeinden im October jeden Jahres stattfindct. Die Beamten (oksieers) theilen sich in unbesoldete (managers) und besoldete (salary-officers) und werden sämmtlich durch Stimmenmehrheit von der Gemeinde erwählt. Die Anzahl der crsteren ist verschieden und besteht, je nach der Größe der Gemeinde, aus 5—0 Männern. An der Spitze des Vorstandes steht der Präsident, der zweite im Range ist der V ice-Präs ident, dann der Schatzmeister und endlich die übrigen Beamten. Das Amt des Secretärs ist in der Ziegel ein besoldetes und dann hat er keine Stimme int Vorstande; dient er aber unentgeltlich, so wird er als ein Mitglied des Vorstandes bettachtet und ist stimmberechtigt. Der Schochet bezieht in der Regel keine Besoldung, sondern wird vom Metzger beim Stücke bezahlt. In neuerer Zeit hat dieses Amt überhaupt aufgehört, ein Gemeindeamt zu sein, da es Niemandem verwehrt werden kamt, dasselbe auszuüben. Dem Metzger steht es frei, sich seinen Schochet, und dem Publicum sich seinen Metzger zu wählen. Dieses Amt gehört übrigens zu den lucrativsten. Wo in einer Gemeinde ein Lehrer angestellt ist, wird derselbe in der Regel aus der Gemeindecasse besoldet; die Gemeinde cassirt dann das Schulgeld ein und deckt den

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