Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1870)
- Date
- 1870-03-29
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
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244 reizt den Menschen zum Bösen, steigt dann vor Gott hinauf, um die Bestrafung des Menschen zu fordern, und verlangt die Erlaubniß, den Menschen durch Leiden zu plagen und ihn selbst zu tödten. Alles dies ist weit davon entfernt, dem Satan aus seiner populären, unbestimmten Vorstellung zu verhelfen, ihn zu dogmatisiren, und ihn so der Glaubenslehre des Judenthuns aufzudrängen. Wenn auch bei weiterer Entwickelung im Talmud der Satan öfter die Rolle des Versuchers und Verführers übernimmt, z. B. gegen Abraham und Isaak bei der Opferung, gegen die Israeliten beim goldenen Kalbe, gegen David beim Erblicken der Bathseba — so bleibt er doch stets ein großer Verehrer der Thorah, und ist z. B. neidisch auf die Uebergabe derselben an Israel. Als, wie Sabbath 89, 1. erzählt wird, Moses vom Herrn herabkam, kam Satan vor Gott und sprach: wo ist die Thorah? Die Antwort lautete: Ich habe sie der Erde gegeben; sofort eilte Satan zu dieser, dann zum Meere, zum Abgrund, endlich zum Tode, aber nirgends fand er sie, sie hatten alle von ihr gehört, aber wußten nicht, wo sie wäre. Noch einmal kehrt Satan zu Gott zurück, und klagt, daß er sie überall gesucht und nicht gefunden, und wird nun an Moses gewiesen. — Ueberhaupt ist der Sa: tan bei der jüdischen Masse durchaus nicht im Rufe übermäßiger Klugheit, und man konnte derselben z. B. die Vorstellung beibringen, daß der Teufel durch die verschiedenen Schofartöne in Verwirrung gerathe, daß er auf Individuen zweier Nationen nichts auszurichten vermöge od. dgl. m. — Während also der Satanismus im Iudenthume durchaus eine dürftige Pflanze blieb und niemals einen dogmatischen Werth erlangte, gewann allerdings die Geisterwelt an sich, die Engel und die schädlichen Geister eine üppige Ausbildung, und ganz nach dem Muster der Engel des Lichts und der Geister der Finsterniß in ver persischen Mythologie wurden die Bewohner der beiden Reiche in ungemessener Zahl uud zum buntesten Spiel der Phantasie ausgedehnt. Vor dem Lichte einer höhern Bildung schwanden daher ohne Geräusch diese Phantasiegebilde aus dem Bewußtsein selbst der jüdischen Masse — das Christenthum mag Zusehen, wie es seinen dogmatischen Sanatismus los werde! Baltimore, im März. Die amerikanischen Gemeinden. Herr Redacteur! Die Auflösung, in der sich gegenwärtig die jüdischen Gemeinden im Großherzogthum Baden befinden, nachdem die Beitragspflichtigkeit seitens des Staatsgesetzes aufgehört hat, macht es für Sie und gewiß auch mr die meisten Leser Ihres Blattes wünschenswerth, Näheres über das Entstehen und Bestehen der jüdischen Gemeinden eines Landes zu erfahren, in welchem die Trennung des Staates von der Kirche eine so durchgehende und consequente ist, wie in den V.-Sraaten. Ist es doch kaum zu bezweifeln, daß in Bälde die meisten deutschen Staaten dem Beispiele Badens folgen werden. Sie wünschen die Beantwortung folgender drei Fragen: 1) Wie bilden sich in Amerika jüdische Gemeinden? 2) Auf welchen Hauptbedingungen bilden sie sich, um Bestand zu haben? 3) Welches sind die Wirkungen der völligen Freiheit? Da es sich hier einzig und allein um praktische Zwecke handelt, so erwarten Sie von mir hoffentlich keine gelehrte historische Abhandlung; ich werde Ihnen vielmehr in wenigen einfachen und schlichten Worte meine zwanzigjährigen Erfahrungen auf diesem Gebiete mittheilen. I. Wie bilde» sich in Amerika jüdische Gemeinden? Wir müssen hier vorausschicken, daß wir in unserer Schilderung von den wenigen portugiesischen Gemeinden dieses Landes ganz absehen, die zum Theil auf ganz anderen Grundlagen beruhen, als die deutschen (polnischen, halländischen) Gemeinden, und die daher für unsere Zwecke auch weniger maßgebend sind. Die ersten jüdischen Gemeinden, die von Einwanderern gestiftet wurden, datiren 40—45 Jahre zurück; sie entstanden nacheinander in New-Aork, Philadelphia und Baltimore. In der Gemeinde fand der arme Einwanderer — und arm waren sie damals Alle — seine Heimath wieder; „Viele" — so schrieb ich Ihnen schon vor 20 Jahren*) — „Viele, die in Deutschland eben nicht viel um Religion gaben, fühlen, entfernt vom Vaterlande, jene Art von Sehnsucht, die ich religiöses Heimweh nennen möchte, und suchen durch den Anschluß an eine jüdische Gemeinde Stillung dieser Sehnsucht." Die ersten Gemeinden bildeten sich alle, mehr oder *) Siehe Äahrg. 1850 Seite 32 dieses Blattes.