Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1870)
- Date
- 1870-03-22
- Page
- Seite 239 (sequence 19)
- Language
- German
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2ZS Harte und Bandalismus, aber es ist aus dem oben gezeichneten Streben erklärlich. Aber der Mord an Cecina, cm Sabinus, Helvidius unv Anderen ist mit so außergewöhnlichen Umständen verknüpft, daß diese über den blos politischen Grund und Zweck hinausgehen, und zugleich den Beweis der Hinterlist und bösartigen Tücke führen. Titus machte sich nicht allein gefürchtet, sondern auch verhaßt, und dessen Vergleichung mit Nero, sowie die Vermuthung, daß er an dem schnellen Tode seines Vaters nicht schuldlos sei, werfen jedenfalls ein schlimmes Licht auf ihn. Hierzu kommen die offenkundigen Ausschweifungen, denen er sich ergab, und die mit der Politik nicht Zusammenhängen. Daß er in den Netzen der Berenice hing, die älter war als er, und die er endlich aus politischen Rücksichten verstieß, charakterisirt ihn schon als Wüstling; daß er sich mit Eunuchen und argem römischen Gesindel umgab und Orgien wie frühere Cäsaren feierte, kann nur einen sehr losen Zusammenhang mit einem energischen politischen Zweck errathen taffen. Darum eben bietet seine nachherige Regierung mit ihrem entschiedenen Gegensatz ein Räthsel dar, und wenn wir auch die Lobsprüche und den enthusiastischen Titel als eine Uebertreibung der Höflinge erachten müssen, so bleibt doch genug übrig, um seine Regierung, so kurz sie war, seinem früheren Leben gegenüberstellen zu müssen. Die eben erwähnte ausschweifende Lebensweise beseitigte er, von Mord, Ueberlistung, Fälschung, Härte, Rachsucht erfahren wir nichts mehr. Allerdings ist die außerordentliche Strenge, mit welcher er die Angeber und Spione, die er wahrscheinlich früher begünstigt hatte, behandeln ließ, berechnet, um auf das Publicum Eindruck zu machen; aber sie zeigt doch, daß er mit diesem Auswurf der römischen Gesellschaft nichts mehr zu thun haben wollte. Untersuchen wir aber nun unparteiisch, was er während der zwei Jahre seiner Regierung wirklich gethan, so können wir uns nicht enthalten, es für mindestens zweideutig zu erachten. Er verzeiht seinen Gegnern, aber er thut dies in prunkhafter, öffentlicher Weise; dagegen ersetzt er den Schaden, den er früher angerichtet, nicht, ruft die verbannten Philosophen nicht zurück, thut für geistige und sittliche Aufrichtung des Volkes nichts, vielmehr das Gegentheil. Er ist freigebig, aber bis zum Exceß, unterscheidet den Charakter der Fordernden, ihre Berechtigung und ihr Maß durchaus nicht: er will nur geben, bewilltgen, zugestehen, und zwar Allen, die da kommen, und läßt seines Vaters und seine aufgehäuften Schätze plündern, in unnützer Weise vergeuden. Er schafft die Orgien ab, aber er verwandelt seine und des Volkes Tage in eine ununterbrochene Reihe öffentlicher Feste und Schauspiele, bei denen nicht der Geschmack und die Bildung, sondern nur die ungezügelte Begier des Volkes präsidirt. Den unter seiner Regierung eiugetretenenen Unglücksfällen gegenüber öffnet er die volle Hand, aber wir erblicken keine bestimmten thatkräftigen Maßnahmen, keine energischen Hulfsmittel. Die straffe Verwaltung seines Vaters verschwindet, er läßt Alles gehen wie es will, er ist ganz Müßiggang und NachläsHgkeit. Er bedauert den Tag als verloren, an welchem er nicht freigebig und wohlthätig gewesen, aber sie gingen ihm in Wirklichkeit alle verloren , da er an ihnen nichts gewirkt und gethan hat. Kein dauerhafter Gedanke, kein nachhaltiges Werk ist von ihm zu berichten. Was die Flavier gethan, gehört seinem Vater und den ersten Regierungsjahren seines Bruders Domitian an. Er verfällt in Melancholie, zerfließt vor den Augen des Volkes mitten in den Festen ohne Veranlassung in Thränen, zieht sich endlich nach der früher von ihm so verachteten Villa seines Vaters zurück und stirbt. Dies ist vor einer unparteiischen Prüfung der wahre Charakter der Regierung des Titus. Wir gestehen schon jetzt, daß sie zwar seinem ftüheren Charakter sehr entgegengesetzt ist, aber jene erhabene Bezeichnung, welche sie bei seinen Schmeichlern gefunden, nicht im Entferntesten verdient. Wie ist sie aber in diesem Gegensätze zu erklären? und was bietet sie zur psychologischen Charakteristik des Titus? Wir kehren hier zu Herrn Beul« zurück. Er nimmt an, daß von Natur der Charakter des Titus ein menschenfreundlicher und sanftmüthiger gewesen sei, daß ihn aber der Ehrgeiz ergriffen habe und zum Lenker feines weiteren Lebens geworden. Der jüdische Krieg und der Aufenthalt in Asien habe ihm die Muße gewährt, einen vollständigen Plan für seine zukünftige Handlungsweise zu faffen, welchen er dann consequent durchgeführt. Es handelte sich nun für ihn zunächst um die Begründung der fiavischen Dynastie, und da ihm sein Vater nicht Bürgschaft genug geboten, daß er jene genügend vollbringe, so wollte er sich so gefürchtet machen, daß Niemand wage, sich gegen seine Thronbesteigung zu erheben, dagegen, sobald er den kaiserlichen Purpur sicher angenommen, sich geliebt und verehrt zu machen und seiner menschenfreundlichen Natur freien Spielraum zu gönnen. Titus habe sich hierbei an das Beispiel des Augustus gehalten. Er sagt: „Augustus hat milde sein können, weil er als Octavian grausam gewesen; Augustus konnte der Welt den Frieden geben, nachdem er sie als Octavian mit Blut überschwemmt; Augustus erregte um so leichter Liebe, als Octavian geflucht worden. Titus zeichnete sich mit einer Verstellung und einer Consequenz, welche sein einziges Verdienst wurden, einen gleichen Weg vor. Er gelobte sich, nichts zu achten und seine Macht nm jeden Preis, so lange Vespasian leben würde, zu sichern, die Welt aber mit seinen Wohlthaten zu berauschen, sobald er deren einziger Herr sein werde." — Man wird dieser Ansicht nur wenig beistimmen können. Dem Augustus war sein Weg von den Umständen selbst vorgeschrieben. Er hatte den Untergang der Republik zu vollenden, einen furchtbaren Gegner in Antonius zu bekämpfen und zu vernichten und erst hierduch seine Herrschaft festzuflellen. Bon da ab konnte er Strenge mit Milde vereinigen, dem machtlosen Feinde Nachsicht schenken, ohne jedoch feiner Herrschaft irgend etwas zu vergeben. Ganz an- :