Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1870)
- Date
- 1870-03-22
- Page
- Seite 240 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226757--28202-3302016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
240 derer Art lagen die Verhältnisse für Titus. Der Bürgerkrieg war beendet, als Vespasian de^Thron bestieg, und dieser, wenn er auch kein großer Herrscher war, hatte es dennoch schnell verstanden, Ordnung in die Staatsverhaltnisse zu bringen, die verfassungsmäßigen Instanzen wieder herzustellen, die Rechtspflege zuruckzuführen; die siegreichen Kampfe in Judäa und Britannien stellten den Frieden völlig her, und der Krieg hörte bis in die Herrschaft des Domitian auf; es war also gar kein Grund vorhanden, außerordentliche Maßregeln zu treffen, da es an jeder aufständischen oder selbst nur unruhigen Bewegung fehlte. Selbst wenn Titus einen solchen Plan gefaßt, mußten ihn die Umstande bald darin entwaffnen, und er hatte keinen Grund gefunden, sich beinah ein Jahrzehend seiner menschenfreundlichen Natur zu erwehren. Aber überhaupt hat dieser consequent durchgeführte Plan ein so gekünsteltes Gepräge, daß es schwer wird an ihn zu glauben, und daß er in seiner Verwirklichung auf die Natur des TituS einen finsteren Schatten werfen würde. Wir müssen an eine natürlichere Lösung des Rathsels denken. Gehen wir von dem Tode des Titus aus. Dieser beschränkte dessen Regierung auf den Zeitraum von zwei Jahren und fast drei Monaten; ihm voran geht eine weibische Empfindelei, Erguß in Thranen, stammelnde Bitten an Domitian; vorher Trübsinn, Versinken in Schweigen und Trauer; vorher Trägheit, Vernachlässigung aller Regentenpflichten, Aufgehen in öffentliche Festlichkeiten und Spiele, in Demonstrationen kindischer Freigebigkett und Versöhnlichkeit, in Schwärmerei für öffentliche Vergnügungen und Prunk, wobei er Mittelpunkt des Gepränges ist. Und welche Lebensart führte er zuvor? Ausschweifungen und Orgien mit Eunuchen und dem sittenlosesten Gesindel, immer begleitet von der Hingebung an die buhlerische Berenice. Bei der Aufeinanderfolge dieser Thatsachen und Erscheinungen kann eigentlich dem Beobachter eine große Schwierigkeit der Lösung sich nicht entgegenstellen. Titus war entnervt worden, eine Gehirnaffection trat ein, wahrscheinlich eine Gehirnerweichung, diese machte ihren naturgemäßen Fortschritt und endigte mtt völliger Erschlaffung, Fieber und einem Schlagfluß während eines kühnen ärztlichen Experiments in einem Bade von Schnee. Alle Symptome stimmen hiermit überein. Gleicharttge Fälle sind nicht fetten. Männer, die Zettlebens arbeitsam, hart, sparsam, ja geizig gewesen, ändern bisweilen einige Zeit vor ihrem Tode ihren ganzen Charatter, werden freigebig, vergnügungssüchtig, verschwenderisch, sentimental, fast irrsinnig, kindisch und sterben plötzlich. Würde die Regierung des Titus irgend eine kräftige That, ja nur irgend einen energischen Entschluß aufzuweisen haben, so wäre unsere Beurtheilung in Zweifel zu ziehen. Aber diese Entnervtheit, diese Schlaffhett und Thatenlosigkeit war schon frühzeitig ausgefallen, und Dio Cassius hebt sie ganz naiv wiederholt hervor. Wttkliche Mottve der Humanität, der menschenfreundlichen oder nur staatsmännischen Fürsorge gewahrt man nirgends. So war hier nur ein bedauerlicher, aber natürlicher Verlauf und Ausgang gegeben. Hier ist es, wo wir einen Anhalt an der schon erwähnten jüdischen Legende finden, Titus sei durch eine riesige Mücke bestraft worden, die ihm durch die Nase in das Gehirn gefahren, so daß er unter großen Schmerzen geworben. Solche Legenden, in historischer Zett entstanden, sind nur die Einkleidung dessen, was man laut und bestimmt zu sagen nicht wagen darf. Sie gäbe also einen Wink über die Gehirnerkrankung, welche dem Tode des Titus vorausgegangen. Aus einer reich angelegten Natur entwicketten die Stürme der Jugend, der furchtbare Wechsel des Geschickes einen brennenden Ehrgeiz, der in den Wogen des Krieges sich stärkte und das Verlangen des Mannes für sich und seine Familie bis zur höchsten Gewalt, bis zur Herrschaft der Wett erhob. Auf diesen Brennpunkt richten sich alle seine Gedanken und Gefühle; alle seine Fähigketten und Talente werden diesem Ziele dienstbar. Was sich ihm entgegenstellt, schlägt er nieder; was ihn aufhalt, vernichtet er über den Sieg hinaus; zur Herrschaft gelangt, verfolgt er Jeden, der sie zu bedrohen scheint, und hart und grausam verfährt er selbst mtt denen, welche früher gegnerisch waren. Hier angekommen, überlaßt er sich zügellos dem Genüsse der Herrschaft und in diesen Ausschweifungen entnervt und erkranft er, so daß seine wirkliche Regierung nur eine Reihenfolge schimmernder Thorhetteu, weichlicher Gefühlsseligkett und gestörten Sinnes wird, bis der frühzeitige Tod ihn noch größeren Ausschreitungen enthebt. Dies war Titus, wie er in der geschichtlichen Wirklichkett sich uns darstellt. Vom menschlichen Standpuntt aus ein bedauerliches Opfer des Cäsarismus, wenn er seinen Träger aus dunkler Herkunft bis zum kafferlichen Stuhle erhebt.*) *1 Wir beabsichtigen diese Skizze anderweitig in ausführlicher Bearbeitung zu vervollständigen. Curiosum. Unter den Inseraten der Wiener Tageblätter befindet sich folgendes Heirathsgesuch: Bon Bildung und von Stand, Intelligent und gewandt, Zwar Jude, doch tolerant, In Gesellschaft sehr amüsant, Gut situirt und independant, Auch häßlich nicht, aber sanft. Wünsch' ich ein Weib von Verstand, Gebildet, jung und mit Arsstaud, Doch wird vermöglick gar sehr verlangt. Und Antwort unter L. M. A. zugesandt. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.