Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-22 · Heft 12 (22.3.1870) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 12 (22.3.1870)
Date
1870-03-22
Page
Seite 238 (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226757--28200-3302014
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 zen, des inneren Antriebes entbehrte. Daraus erhellt zur Genüge, daß es der Ehrgeiz allein war, welcher Titus beherrschte und leitete, und da er schon dem dreißigsten Lebensjahre nahe stand, also des jugendlichen Leichtsinns nicht mehr geziehen werden konnte, giebt sich uns ■ hiermit die eigentliche Leidenschaft seines Wesens kund. Wir erkennen hieraus in diesem Ehrgeize die natürliche Frucht seiner Schicksale wahrend Kindheit und Jugend. Die Eigenschaften, welche Titus in dem nunmehr begonnenen und zuletzt mit dem glücklichsten Erfolge gekrönten Werke entfaltete, entbehren der Großartigkeit nicht, erweisen sich aber sämmtlich seinem flammenden Ehrgeize dienstbar. Rücksichtslos gegen den Vater, dessen Zögern und Weigern er dadurch überwand, daß er ihn vor den Augen der römischen Welt als nach dem Throne strebend compromittirte und nicht scheuete, die Schwerter der Legionäre gegen ihn zücken zu lassen, um ihn zu zwingen, die Begrüßung als Imperator anzunehmen, von einem Muthe beseelt, der Nichts fürchtete, von einer Gewandtheit, welche die feinsten Jntriguen an- und fortzuspinnen verstand, vor keinem Mittel zurückschreckend, denn auch ein blutiger Bürgerkrieg gegen die Partei des Vitellins stand in Aussicht, mußte doch Titus zugleich die gewinnendsten Talente, die äußerste Liebenswürdigkeit und das Verständniß, den Neigungen und Leidenschaften der Menschen sich anzuschmiegen, und sich ihnen von der gefälligsten Seite zu zeigen, besitzen. So gelang es ihm, so kam er an das Ziel seiner Wünsche. Wie sehr man aber auch den ihn beherrschenden Ehrgeiz kannte, zeigt sich in den Dermuthungen, welche man von ihm hegte, zuerst, daß er die Herrschaft des Orients für sich erstrebe, alsdann sogar, daß er seinen Vater vom Throne entfernen und diesen einnehmen wolle, Besorgnisse, die selbst seinem Vater nicht fremd blieben, der dergleichen schon von seinem zweiten Sohne Domitian hatte hegen müssen. Ändeß kann man nichts Thatsächliches aufweisen, wodurch Titus verrathen habe, daß diese Befürchtungen irgend gerechtfertigt gewesen, und wenn er fortan in ostensibelster Weise sich feinem Vater an die Seite setzte und sich mehr als Milkaiser, denn als Thronfolger gerirte, wenn er seinem Vater auch fernerhin seinen Willen nicht selten aufvrängte, und gegen dessen Entscheidungen handelte, so kam es doch niemals zu einem Bruche, und hat eine gewisse Rechtfertigung in dem natürlichen Streben des Sohnes, sich im Voraus die Thronfolge zu sichern. Was bis hierher geschehen, ist durchaus klar und durchsichtig. Titus erscheint als ein mit großen Eigenschaften und Fähigkeiten ausgerüsteter Mann, welchen der Ehrgeiz antreibt nach den höchsten Ehren zu streben, nach einer unbegrenzten Machtfülle, die er auch durch die Gunst der Umstände, durch die Enfaltung seiner Talente, durch Muth und Thatkraft erreicht. Alle seine Handlungen lassen sich aus diesem Momente erklären, und er überschreitet nirgends das Maß. Das Dunkle und Verworrene beginnt erst von hier an. Allerdings ist es einsichtlich, daß Titus vor Allem als Ziel im Auge haben mußte, die Befestigung seiner Dynastie so unanfechtbar zu machen, daß er selbst, und nach ihm, da er kinderlos war, sein jüngerer Bruder, den Thron ohne die geringste Erschütterung, ohne Anfechtung und Kampf besteigen könne. Er mochte auch von diesem Gesichtspunkte aus an der Handlungsweise seines Vaters Vieles zu tadeln finden. Vieles ungenügend, um die erwünschte Wirkung zu erreichen, und daraus wird sich Manches erklären laffen. Wir mögen z. B. die Verfolgung der stoischen Philosophen dadurch aus politischen Motiven entschuldbar finden, weil sie ihm als Republikaner bekannt waren und ihrem Charakter nach in das Getriebe der officiellen römischen Welt ein unüberwindliches Element zu werfen schienen. Auch wollen wir uns erinnern, daß eben nach dem Sturze der julianischen Familie drei Kaiser nach kurzer Regierung durch Aufstand und Mord beseitigt worden, so daß die Begründung einer neuen Herrscherfamilie, der flavischen, nicht ohne große Entschiedenheit bewirkt werden zu können scheinen mußte. Aber wir sehen doch, daß der Cäsar Titus oft in einer Weise verfuhr, die mit einer Ausdeutung seiner Thaten^ncht genugsam erklärt ist. Wir erkennen einerseits Handlungen der Rachsucht und Unversöhnlichkeit, dann einen ausschweifenden, sittenlosen Lebenswandel , und endlich wissen wir von keiner einzigen Handlung der Sanftmuth und Menschenfreundlichkeit. Dies ist das Auffallende, wenn mau den Charakter seiner nachherigen Regierung zur Vergleichung heranzieht. Gegen das eroberte Jerusalem und die besiegten Juden verfährt er gradezu grausam, in übermäßiger Tyrannei. Die Befürchtung, daß jene Stadt zum Heerde neuer Rebellion werden könne, ist, nach der Lage der Dinge, und da die römischen Herrscher zu sehr gewohnt waren, ihre Gewalt über unterjochte Völker, trotz deren Widerstreben, zu erhalten, für eine so totale Verwüstung und für eine so harte Behandlung kein genügender Erkläruugsgrund. Von National- und Religivnshaß kann noch weniger die Rede sein. Dann hatte müssen eine Verfolgung der überaus zahlreichen jüdischen Colonien in den übrigen Theilen des römischen Reiches eintreten, von der jetzt keine Spur vorhanden; dann hätte Titus nicht den Josephus und andere Juden in seine Nähe und Gunst nehmen können. Darum ist hier nur die Rachsucht und ein Act persönlicher Feindseligkeit gegen die, welche er erst hatte bekämpfen müssen, zu erkennen. Gedrängt durch den Wunsch, nach Rom zu gelangen, wo er seine Anwesenheit für nothwendig hielt, und verletzt durch einen so langen und hartnäckigen Widerstand, wollte er sich an den Besiegten in vollem Maße rächen, und selbst, daß ihn die Jahreszeit in Asien zurückhielt, wollte er zürnend ihnen fühlbar machen, und schlachtete deshalb bei den Festen in den asiatischen Städten Tausende der Gefangenen. Wenn er in Rom die Spuren, die hinterlassenen Monumente der vorangegangenen Herrscher zu beseitigen suchte, so geschah dies nicht ohne z > » : -t»»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.