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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-22 · Heft 12 (22.3.1870) · p. Seite 228

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 12 (22.3.1870)
Date
1870-03-22
Page
Seite 228 (sequence 8)
Language
German
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228 Herr Stadtrach Moos hat sich seit einer Reihe von Jahren als Stadtverordneter nicht unerhebliche Verdienste um das städtische Interesse erworben, und gereicht es den Wählern nicht minder, wie dem Gewählten zur Ehre, daß sie Tüchtigkeit und humane Denkweise ausschließlich zum Kriterium ihrer Wahl gemacht. Wir können anläßlich dieser Mittheilung nicht umhin den Wunsch auszusprechen, daß auch in jüdischen Kreisen ein gleiches Streben nach Beseitigung der noch vielfach vorhandenen Lorurtheile und Schroffheiten zu Tage trete; namentlich wäre manchem Herrn der Wissenschaft im Gebrauche der Feder etwas mehr Rücksicht und parteilose Beurtheilung dringend zu empfehlen. Hannover, 8. März. «Privatmitth.) Vorgestern beging der von Frau S. Coppel gegründete hiesige israel. Frauenverein den Tag seines 25-jährigen Bestehens, während welcher Zeit Frau Alexander Cohen ununterbrochen als Präsidentin des Vereins segensreich gewirkt hat. Letztere feierte daher auch an dem genannten Tage ihr 25-jähriges Jubiläum und empfing aus den Händen der Vorsteherinnen des Vereins eine von sämmtlichen Mitgliedern desselben Unterzeichnete Gratulations-und Dankadresse, sowie später die Glückwünsche des Gemeindevorstandes und vieler Privatpersonen. In der am Nachmittage ftattgehabten überaus zahlreich besuchten Generalversammlung der Vereinsmitglieder gab Herr Werner eine historische Uebersicht über die Entstehung des Vereins und seine Leistungen während der verflossenen 25 Jahre und hob auch die Verdienste der Frau Coppel als der Gründerin des Vereins in anerkennendster Weise hervor. Alsdann hatte der seit einigen Jahren bestehende Zweigverein zur Belohnung von jüdischen Mädchen, welche sieben Jahre lang ununterbrochen bei derselben Herrschaft treu gedient haben, Veranlassung, seine Thätigkeit zum ersten Male zu entfalten, und erkannten die Vorsteherinnen desselben sieben Mädchen je 50 Thlr. als Prämie zu. Auch die Gründerin des Vereins erhielt vorgestern von Juden und Christen, unter den letzteren auch von Herrn Senior Boedeker und Gemahlin, vielfache Beweise von Theilnahme, verbunden mit den aufrichtigsten Glückwünschen und hat der Gatte derselben zu Ehren des Tages schon jetzt einen Theil der Zinsen eines zur Gründung eines Waisenhauses für israelitische Mädchen ausgesetzten Capitals zur Erziehung und Unterhaltung eines Wassenmädchens bestimmt, welches vorläufig bei einer Familie untergebracht und auf seine Kosten verpflegt werden soll. Der Alliance israelite universelle in Paris sind auf Verwendung des vr. Wiener auch hier viele Mitglieder beigetreten, und war derselbe im Stande, für dieses Jahr der Alliame die nicht unerhebliche Summe von 204 Thlrn. zu übermachen. Oppeln, 2. Jan. (Privatmitth.j So eben kommt mir eine von vr. L. Cholevius, Professor am Kneiphöf'schen Stadtghmnasium zu Königsberg i. Pr. redigirte Schrift „Dispositionen und Materialien zu deutschen Aufsätzen u. s. w. Leipzig 1869" vor die Augen. Indem ich diese Schrift durchblättere, finde ich in einen Aufsatz „Weshalb das Christenthum leichter bei den Griechen und Römern als bei den Juden Eingang fand." Sehr neugierig, welche Gründe wohl Herr Cholevius für diese „merkwürdige Erscheinung" angeführt haben möge, lese ich den Aussatz mit großem Interesse durch und sehe zu meinem Erstaunen als Hauptgrund den Umstand bezeichnet: „daß das Gebot der allgemeinen christlichen Menschenliebe den durch die jüdische Religion geheiligten Feindeshaß versagte." Auch die Bemerkung, daß nicht die heidnischen Priester, sondern die Juden das Feuer gegen die Christen schürten, zeigt von der Intoleranz und Ignoranz des Herrn Verfassers. Weit mehr zeigt aber noch der Schluß zu dem Aufsatze, welche Gesinnungen Herr Cholevius gegen das Judenthum hat. „Es giebt noch heute über 5 Millionen Juden (das ärgert wahrscheinlich Herrn Cholevius am meisten, und solche intolerante Herren dürfen heutzutage noch den Kathedersitz eines preußischen Gymnasiums ausfüllen; welche Begrisse von Toleranz mag wohl Herr Ch. seinen Schülern beibringen), welche mit der halben Offenbarung auskommen, indem sie es einerseits gleich so vielen Christen mit der Religion nicht ernstlich meinen, andrerseits selbst die Heilslehren und Verheißungen des Evangeliums im alten Testamente zu besitzen glauben, weil sie ohne ihr Wissen gewohnt sind, die Wahrheiten desselben nach christlichen Anschauungen aufzufassen. Mit einer ähnlichen Selbsttäuschung hat Lessing im Nathan seinen Helden zum Juden gemacht — Bravo, Herr Professor!

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