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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-22 · Heft 12 (22.3.1870) · p. Seite 223

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 12 (22.3.1870)
Date
1870-03-22
Page
Seite 223 (sequence 3)
Language
German
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223 Druck gelitten, ist die hohe Reinheit seiner Religion und die geistige Tiefe seines heiligen Schriftthums. Die hohen Geister aller Nationen, die geistigen Führer aller Culturvölker erkennen dankbar den großen geistigen und ethischen Schatz, welchen die Menschheit dem Judenthum verdankt. Und was Israel an Ansehen genießt und noch zu erringen hat> verdankt es nicht seinen Geldgrößen, die den Neid der Menschenschwache erregen, sondern seinen Geistesheroen, welche im Kampfe der Gedanken und der reinen sittlichen Principien zu allen Zeiten an der Spitze der Culturbewegung standen. Diesen wahrhaften Hort unseres Stammes zu hüten ist die Aufgabe eines bewußten, fortgeschrittenen Geschlechtes. In dem letzten Jahrhundert war es vor allem die dentsche Judenheit, welche von der Borfehung ausersehen war jenen Schatz zu hüten und zu wahren. Unter den schwersten Opfern, unter den härtesten Entbehrungen, unter Verzichtleistung auf alle äußeren Lebensgenüsse hat eine Reihe von Männern sich dem heiligen Dienste der Wissenschaft des Judenthums geweiht, eine Wissenschaft des Judenthums gegründet, die erst, sowohl für Israel, wie für alle Forscher der Völker, neue Fundgruben der Erkenntniß des Judenthums eröffnet hat. Und das ist die eigentliche, die wahre und letzte Quelle unserer Würdigung bei den Völkern, der Anerkennung und Wiedereinsetzung in unser Recht. Nur der Hochmuth gewisser Classen oder die vollständige Unwissenheit vermag undankbar zu sein gegen jene Männer und gleichgültig gegen deren Geistesthaten, gegen die Wissenschaft. Und doch hat sich die deutsche Judenheit noch nicht aufgerafft, eine Stätte zur Pflege der Wissenschaft des Judenthums zu gründen! Wir wollen unsererseits nicht undankbar sein und die großen Verdienste um Forterhaltung der Wissenschaft des Judenthums verkennen, welche sich unsere östlichen Glaubensgenossen im polnischen und russischen Gebiete zu einer Zeit erwarben, wo in Deutschland derselben Vergessenheit drohte. Aber jene Patriarchen, jene Großrabbinen umfassendster Gelehrsamkeit und selbst Großhandelsherrn mit bahnbrechendem Forschergeiste sind nicht zu verwechseln mit jenen fahrenden Melamdim, welche an der subtilen Grenze des Lamdons und der Ändustrieritterei einwandernd, allenthalben Unterkunft fanden, da als Hauslehrer, dort als Baaldarschen, als Rabbiner gar, einfach aus Mangel an Lehrern im deutschen Israel aus eigenen Schulen. Die Culturbewegung hat eine Richtung genommen, daß das jüdische Wissen nur fruchtbar sein kann, wenn es Hand in Hand mit dem Fortschritt aller anderen Wissensgebiete geht, die jüdische Hochschule an der Seite unserer deutschen Hochschulen auf dem gemeinsamen Bo den allgemeiner Wissenschaft sich ausbaut. Wenn jetzt schon die Träger des wissenschaftlichen Judenthums in den westlichen Culturstaaten einzig und allein Gelehrte und Geistliche aus der deutschen Judenheit sind, so werden wir auch bald den östlichen Ländern jenen schuldigen Tank durch Dahintragen der Civilisation in dortige Gemeinden entrichten können. Aber vor Allem müssen wir selber eine wohlbegründete Pflanzstätte der Wissenschaft geschaffen haben, und es nicht dem Zufall und dem Martyrium überlassen, ob sich ein Talent, ein Genie aus der Misöre der Verhältnisse herausringt. Die Jünger der Wissenschaft in Israel stammen nur aus der Armuth. Dieser Ausspruch, zu den Zeiten des Talmuds schon wahr gewesen, ist von der Gegenwart noch nicht widerlegt. Der Wohlstand unserer Gemeinden ist Gottlob in hohem Grade gewachsen. Dieser Wohlstand ist eine Folge der staatlich und bürgerlich, der politisch und social gebesserten Stellung der Juden. Diese Besserstellung ist ein unmittelbares Verdienst unserer geistigen Vorkämpfer, die aus der Armuth stammen. Wollen die hochmögenden Persönlichkeiten unserer Gemeinden dieser Wahrheit sich nicht verschließen! Der Glanz und die Fülle sind aus dem dunklen Schacht mittelalterlich überkommener Zustände von jenen Pionnieren des Geistes herausgefördert, welche für sich selbst nur mit Wettern und Schlägen des Schicksals fast um die Lebenslust zu kämpfen hatten. Aber die Arbeit ist noch nicht ganz gethan; der Kampf noch nicht beendet! — Es gab Zeiten, da die Gemeinden mit Stolz auf die wissenschaftlichen Arbeiten ihrer Rabbinen blickten. Sie sonnten sich in dem Glanze ihres Ruhmes. Unserer Zeit ist das Zerrbild Vorbehalten geblieben von Gemeindevorständen, die mit Eifersucht auf geistiges Schaffen ihrer Rabbinen sehen, in der Angst, daß der 12*

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