Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1870)
- Date
- 1870-03-22
- Page
- Seite 222 (sequence 2)
- Language
- German
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222 Es ist eine charakteristische Erscheinung in jüdischen Gemeinden, daß sich das Vereinswesen mehr für die Wohlthätigke it als für die Geselligkeit entwickelt hat, während es bei den uns umgebenden Culturvölkern umgekehrt der Fall ist. Es ist das historisch wohlbegründet. Die düstere Lebensanschauung, welche die Verfolgungen des Mittelalters dem Geiste und Gemüthe unserer Väter aufgedrängt haben, mußte jene ursprüngliche heitere Weltanschauung, welche in unserm mosaischen Gesetze vorwaltet, verdunkeln. Druck und Verfolgung sind gewichen; wir dürfen und sollen zu jener heiteren Geselligkeit zurückkehren, welche die Jünglinge und Jungfrauen Palästinas zu heiteren Spielen in den Weinbergen zusammenführte. Aber in jener strengen Sitte und ernsten Zucht, welche in jüdischen Familien den hehren Sinn und die ängstliche Feinfühligkeit für Sittenreinheit gehegt und gepflegt hat und welche die Grundbedingungen für die in Israel so heilig gehaltenen Familienbande sind. Wir kennen den Eifer, der gegen eine sociale Absperrung ist; wir selbst wollen den Geist bürgerlicher Gemeinsamkeit durch den gemeinsamen Schulunterricht fördern; aber bei unserer reiferen Jugend wollen wir das berechtigte Bedürfniß nach geselligen Lebensfreuden im Geiste züchtiger, in jüdischen Kreisen traditionell gewordener Scheu von Ausartung gepflegt sehen. Ohne das Gegenbild deutlicher ausmalen zu wollen, sei hier nur mit Nachdruck angedentet, daß auch nach dieser Seite hin educatorisch eingewirkt werden muß. Die Geselligkeit der reiferen Jugend muß die ^Erziehung der Kindheit vollenden oder untergraben. — Hier giebt's zu wählen. In dieser Beziehung gilt es das Vorurtheil zu bekämpfen, und das gemeinsame Beispiel aller Gemeinden wird dem allgemeinen Durchbruch eines richtigen Urtheils hierin fördersam sein. Ueber Absatz 2 Al. a über „Armenverbände" mögen die bereits gegebenen Andeutungen vorläufig genügen; aber Al. d dieses Absatzes gibt zu der Wahrnehmung Anlaß, daß bei den vielen vorsorglichen Stiftungen in jüd. Gemeinden, das Pensionswesen, das ist die Sorge und gerechte Fürsorge für dienstunfähig gewordene Gemeindebeamte oder für deren Hinterlaffene, je dem weichfühligen Eindruck des Moments überlasten blieb und nicht in systematisch geregelte Institutionen gebracht wurde. Der Gedanke, der dieser Erscheinung zu Grunde liegt, ist ein nobler. Es sollten die Leistungen im Dienste der Religion freiwillige, keine bezahlten sein. In erster Reihe galt dieses von den Rabbinen; andere Functionen werden größtentheils auch von Freiwilligen ausgeübt. Freiwillige Spenden entschädigten reichlich. Aber jene patriarchalischen Verhältniste bestehen lange nicht mehr. Das Beamtenwesen der Gemeinden muß nach modernen wirthschaftlichen Systemen geregelt werden, und die Gründung oder Förderung bestehender Pensionsanstalten ist eine heilige Pflicht der Verwaltungen. Es sei hier nur angedeutet, daß eine andere moderne Schöpfung — die Lebensversicherungsbanken — leicht Mittel und Wege zur Erleichterung der Last beischafft. Von allen Schattirungen und Richtungen warmherzig begrüßt wurde der dritte Punkt der Zwecke des Gemeindetages : Vereinigung der Mittel und Kräfte der deutschisraelitischen Gemeinden und ihrer Mitglieder für größere Aufgaben der Humanität, namentlich zur Derbesterung der politischen und socialen Lage der Glaubensgenosten, sowie zur Abwehr geistiger und materieller Nothstände unter denselben bei geeignetem Zusammenwirken mit ausländischen Vereinen gleicher Tendenz, und wurde besonders auf die Alliance israelite universelle hingewiesen. Mit Bewunderung und Dankbarkeit sah man lange schon auf das Wirken eines Cremieux, eines Montefiore. Deutsche Gemeinden, welche diese Männer auf ihrer Mission berührten, beeilten sich ihnen zu huldigen, Dankadresten an sie abzugeben, abzuschicken; doch was haben die deutschen Juden noch selbst gethan, um deren Wirken zu fördern, an deren Beispiel sich aufzurichten? Wenn auch Hunderte Einzelner der Alliance israel. univers. den vorgeschriebenen Jahresbeitrag geben, noch ist die Maste unberührt, noch sind die Gemeinden der Sache fern geblieben. Es ist eine Ehrensache des deutschen Israels, nicht länger mehr jenem Borangehen fern zu bleiben! Möge der Umfang und die Nachhaltigkeit des zu Leistenden das Versäumte reichlich nachholen. Ich komme nun zum Schluß, zu der wahren Krönung des Ganzen, zur Keser-Thorah, auf die höheren Lehranstalten zur Pflege der Wissenschaft des Judenthums. Meine Herren! Was Israel groß gemacht unter den Völkern, selbst wenn es unter härtestem äußeren