Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 219 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226756--28180-3301993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
219 abscheute er den kaiserlichen Pomp, wohnte in einem kleinen Hause, ließ sich nickt von Garden bewachen und war zu aller Zeit zugänglich. Während ihm der weitere politische Blick abging und er keine Anlage zum Staatsmann hatte, war er ein ausgezeichneter Verwalter, unermüdlich, pünctlich, aufmerksam. Er stellte das erschütterte Staatsgebäude wieder auf festere Grundlage; die Kriegszucht lebte wieder auf, Senat und Adel erhielten ihre Rechte wieder, die bürgerliche Gerechtigkeitspstege kehrte zurück, das Hochverrathsgesetz wurde aufgehoben. Sein eigentlicher Fehler war eine außerordentliche Geldgier, und alle Mittel zu deren Befriedigung waren ihm recht. Gleich bei seiner Ankunft in Rom verlangte er 800 Millionen, stellte alle Steuern wieder her, verdoppelte die Abgaben der Provinzen, verkaufte die Aemter, die Privilegien, die Gnaden, ergab sich dem Wucher, ersann industrielle Mittel, Geld zu verdienen, bereicherten Schurken preßte er ihre Schätze ab, und seine Diener mußten ihm die Hälfte der Summen abgeben, die sie für bewilligte Audienz beim Kaiser erhielten. Aber Bespasian war nicht geizig; er verwendete große Summen, um die Zerstörungen, welche der Bürgerkrieg hinterlafsen, zu beseitigen, den Berkehr wieder herzustellen, fruchtbare Unternehmungen zu fördern. Mit großem Aufwands stellte er besonders das durch die Flammen zerstörte Capitol wieder her. Obschon nun Titus die Consolidirung der Herrschaft seines Baters mit Ruhe ansehen konnte, so drängte es ihn doch nach Rom, weil er auch die feste Begründung der Dynastie, also seiner und seines Bruders Domitian zukünftigen Regierung, im Auge hatte, und seinem Bater die Befähigung hierfür nicht zutraute. Aber ehe er mit Judäa fertig war, kam der Winter, das Meer war für die damaligen Schiffer während dieser Jahreszeit verschloffen, er mußte in Asien bleiben. Er zog triumphirend von Stadt zu Stadt, ließ sich durch Feste und Huldigungen verehren, versammelte um sich einen Hof mit großer Pracht. In Rom fing man an zu glauben, daß er die Herrschaft des Orients an sich reißen wolle. Dies lag nicht in seinem Plane. Dann vermuthete man, er wolle seinen Vater entthronen, aber als er in Brindusium landete, beruhigte er schnell den herbeigeeilten Bespasian. In Rom theilte Titus nicht blos die Macht, sondern auch die äußeren Zeichen der Würde mit seinem Bater. Er machte diesem begreiflich, daß desien Weigerung, das Lribunat anzunehmen, durch welches die Person unverletzlich ward, ein Fehler gewesen; Vater und Sohn nahmen es zugleich an. Trtus saß öffentlich seinem Vater auf dem Throne zur Seite. Er hatte bald das volle Uebergewicht über den Geist seines Baters. Wider Willen mußte Bespasian sich bequemen, den großen Triumphzng über das besiegte Judäa mitzumachen. Dagegen half er ihm Schätze aufhäufen, sorgfältig jedoch allen Schein des Lächerlichen vermeidend. Er drang darauf, die göttlichen Ehren entgegenzunehmen; Bespasian spottete darüber, aber Titus wußte wohl, was er that. Titus wollte vor Allem, um seine Dynastie zu befestigen, das Gedächtniß der vorangegangenen auslöschen. Die großen und prachtvollen Gebäude des Nero, so das goldene Haus deffelben, wurden zerstört, den Bildsäulen Nero's veränderte Gestalt und Bedeutung gegeben, dafür das Coloffeum gebaut, „die Bäder des Titus" auf den Grundmauern der 'Neronischen Bauwerke errichtet. Dagegen scheiterte er lange Zeit an dem entschiedenen Willen seines Vaters, den vollen kaiserlichen Pomp anzunehmen, bis es ihm schließlich doch gelang, Rom mit Statuen, Medaillen und Apotheosen für die Glieder seiner Familie zu überschwemmen. Was aber den wesentlichen Punct feiner Politik während der Regierung seines Baters ausmachte, das war die Absicht und das Streben, sich gefürchtet zu machen. Der Schein und die Berantworlichkeit fielen auf seinen Vater, und so konnte er ungestraft hart, grausam, gewiffenlos sein. Auf diese Weise wollte er alle Zügel der Regierung in seinen Händen halten, so daß es bei dem Tode seines Vaters Niemand wagen durste, sie ihm zu bestreiten. Er leitete die Staatsämter, dictirte die Briefe im Namen seines Baters, fetzte seinen Namen unter die Eöicte neben den seines Baters. Er nahm das Commando über die Prätorianer an. Mit Hülfe dieser ließ er Alle tödten, die ihm verdächtig waren. Er lud Aulus Cecina bei sich zur Tafel ein, bewirthete ihn köstlich und ließ ihn beim Hinausgehen erwürgen. Als Titus einen Berschwörungsplan von der Hand des Cecina vorwies, hielt diesen Jedermann für eine Fälschung des geschickten Titus. Warum fand keine regelmäßige Untersuchung statt? Die Milde, welche Bespasian zu üben liebte, wurde von Titus hintertrieben. Sadinus, welchen Bespasian begnadigt hatte, wurde aus Befehl des Titus hingerichtet, ein Act, der durch seine Einzelheiten wahrhaft grausam war; als Bespasian den Helvedius retten wollte, sagte Titus, es wäre zu spät und dann schritt man zur Hinrichtung. Dies war der Anfang, um die stoischen Philosophen, deren ehrliche und republicanische Gesinnung Titus als Jüngling kennen gelernt, aufs Blutigste zu verfolgen. Hierzu fügte Titus nun die Ausschweifung, die Orgien mit den sittenlosesten Menschen. Er erreichte sein Ziel: so geliebt Bespasian war, so gefürchtet Titus; Alles zitterte vor ihm und ängstigte sich vor seinem Zorne, dem die Rache so schnell folgte. Sueton sagt es mit dürren Worten: „Man sagte in ihm einen zweiten Nero voraus." Als sein Bater starb, klagte man ihn der Vergiftung deffelben an, und der Kaiser Hadrian hat dies laut behauptet, wie sein Bruder Domitian, daß er das Testament des Vaters gefälscht habe. Jndeß, will man das Zeugniß des Hadrian, dem freilich nach Dio Kasiius noch andere Zeugen zur Seite standen, nicht gelten laffen, so liegt doch schon genug Anklage in der Vermuthung einer solchen Miffethat. Vom 1. Juli des Jahres 69 bis zum 24. Juni 7 9 hatte Bespasian regiert, dem Titus war nur eine kürzere