Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 218 (sequence 18)
- Language
- German
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218 halfen ihm diese Grausamkeiten so wenig, wie die Versuche, die eingeschlofsenen Freiheitskämpfer zu überreden, sich zu ergeben. Titus' ganzes Verlangen ging dahin, den Krieg schnell zu beenden, um nach Rom zu kommen, wo ihm die Regierung seines Vaters nicht ganz gefiel. Es mag also immerhin sein, daß er, so lange er noch die Hoffnung hatte, die Juden zu einer Capitulation zu bringen, die Absicht hegte, Stadt und Tempel zu schonen und zu erhalten. Daß er aber, nachdem er eingesehen, er werde den Krieg nur durch Erstürmung beenden können, den Kampf verzögert habe, um den Tempel zu conserviren, scheint denn doch eine Insinuation des Josephus zu sein. Wie nach seinem Berichte Titus im Kriegsrathe für die Erhaltung des Tempels gesprochen, wie er zwar die Hallen in Brand stecken ließ, dann aber erst durch einen Soldaten das Feuer in den Tempel gekommen sein soll, wie Titus seine Soldaten mit Stockschlägen von der Verbreitung des Feuers habe abhalten lassen wollen, wie aber die Soldaten weder auf die Officiere noch auf ihn selbst gehört u. s. w., erzählt der Günstling der Flavier so ausführlich, und betont die Zerstörung des Tempels wider des Cäfars Willen so oft, daß die Absichtlichkeit offen liegt, um so mehr, da es an Widersprüchen in seinem Berichte doch nicht fehlt. In der That ist uns denn auch ein anderer Bericht erhalten, der, wenn er auch von dem Mönch Sulpicius Severus, der im vierten Jahrhundert lebte, überliefert worden, doch aus früheren Quellen genommen zu fein scheint. Hiernach ist der Tempel auf directen Befehl des Titus zerstört worden. Man hat zwar eingewendet, daß das vom Sulpicius angegebene Motiv, Titus habe damit die jüdische und die christliche Religion ausrotten wollen, durchaus nicht für Titus angemessen sei. Dies erscheint richtig, ist aber noch kein Grund, um den positiven Bericht des Sulpicius zu bestreiten, da das Factum richtig sein kann, während die hinzugefügte Erklärung dem Mönche angehört. Entscheidender hingegen ist das Verfahren des Titus gegen die Stadt und die Juden nach der Eroberung. Denn im Grunde ist Titus wegen der Zerstörung des Tempels nur in geringem Maße anzuklagen, da er ihn, von den Juden aufs Hartnäckigste vertheidigt, mit stürmender Hand nehmen mußte. Wer oder was aber rechtfertigt die Grausamkeiten, die nunmehr und zwar auf die unmittelbaren Befehle des Titus erfolgten? Es würde freilich einen Zustand der Auflösung aller disciplinarischer Bande im römischen Heere voraussetzen, wollte man annehmen, daß die ungeheuerlichen Metzeleien, welche die Römer begingen, wider den Willen und den ausgesprochenen Befehl des Titus stattgefunden. Wird doch die Zahl der während des ganzen Krieges Gefangengenommenen von Josephus nur auf 97,000, die der während der Belagerung Jerusalems allein Getödteten 1,100,600 von Josephus angegeben; beginnt dieser Autor sein siebentes Buch doch mit den schrecklichen Worten: „Erst nachdem nichts mehr zu morden oder zu rauben übrig war, besänftigte sich die Wuth der Soldaten; denn keine Seele würden sie verschont haben, hätten sie noch Etwas zu thun gefunden." Dennoch wollen wir dies nicht ganz auf die persönliche Rechuung des Feldherrn stellen. Wie aber fährt Josephus fort? „Nun gab Cäsär Befehl, die ganze Stadt und den Tempel zu schleifen, nur die Thürme, welche die andern überragten, Phasael, den Roßthurm und die Mariamne, sowie auch die westliche Ringmauer, sollten stehen bleiben." Und warum ließ er diese Thürme erhalten? Josephus antwortet: „Als Zeugniß für die Nachwelt, wie groß und fest die Stadt gewesen, welche der römischen Tapferkeit erlegen." Er fährt fort: „Den ganzen übrigen Raum der Stadt machten die Zerstörer so ganz dem Boden gleich, daß ein Wanderer nicht einmal auf die Bermuthung kommen konnte, der Ort sei einmal bewohnt gewesen." Jene Thürme sollten also ein Ruhmeszeichen für den ehrgeizigen Titus sein; und was ist denn diese völlig und zwecklos zerstörte Stadt anders als ein Zeugniß für seine schonungslose Rachgier? Titus ging nach Cäsarea Philippi und gab hier öffentliche Schauspiele. Josephus berichtet: „Biele Tausende von den Kriegs-Gefangenen fanden hier ihr Ende, indem sie theils den wilden Thieren vorgeworfen wurden, theils schaarenweise mit einander auf den Tod kämpfen mußten." Bald darauf feierte er den Geburtstag seines Bruders Domitian mit Pracht, und ließ zu Ehren veffelben einen großen Theil der verurtheilten Juden umbringen. Die Zahl derer, die in den Stiergefechten umkamen, die verbrannt oder im Zweikampf getödtet wurden, überstieg wohl 2,500." Von hier begab er sich nach Berytus, und ließ am Geburtstage seines Vaters noch eine viel größere Zahl der gefangenen Juden auf dieselbe Weise umbringen. Und so verfuhr er in den andern Städten Syriens. Wir wollen diese Greuelscenen * nicht weiter schildern, und fügen nur das Urtheil des Herrn Beulv hier an: „Eine berühmte und blühende Stadt schleifen, weil sie sich gerechter Weise empört hat, eine "Nation zerstreuen, weil sie durch die Grausamkeiten der kaiserlichen Procuratoren zum Aeußersten getrieben worden, das war ein Act nutzloser Rohheit. Man begreift es, daß der Senat der Republik Salz auf Karthago gestreut hatte, da Ka rthago sich erheben und von Neuem die Macht Roms bedrohen konnte, aber Jerusalem war weder eine Gefahr, noch ein ansteckendes Beispiel für die gefeffelte Welt gewesen. Titus folgte dabei entweder einem persönlichen Unwillen oder dem noch unmenschlicheren Wunsche, die Geister mit einer furchtbaren That zu erschrecken. Er wollte den römischen Bürgern als eine Kriegsfackel und als ein Vernichter erscheinen. Er zeigte ihnen, welches Schicksal zukünftig eine Stadt erwarte, welche cs wagen würde, sick gegen die Familie der Flavier zu empören." Rechtfertigt das fernere Benehmen des Titus als Cäsar, d. h. als Thronfolger, dieses Urtheil? Dies ist es, was wir jetzt untersuchen wollen. Vespasian hatte also die Regierung in Rom angetreten. Sechzig Jahre bereits alt, mäßig, einfach, ver- V