Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 217 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung -es Zn-enthnms. FeuiLleton-Leilage zu tlr. 11. Leipzig, den 15. März 1870. Titus, wie er war. «Fortsetzung.» Zu dieser Zeit nun kam die Kunde vom Tode Nero's und von der Erhebung Galba's zum Imperator nach Syrien und Bespasian zog sich von der Belagerung Jerusalems, die er bereits vorbereitet hatte, zurück, um den Gang der Ereignisse in Rom abzuwarten. Jetzt begann Titus eine außerordentliche Thätigkeit, aber nicht kriegerischer Art, sondern zuerst um seinem Vater und sich die Gunst des neuen Kaisers zu sichern, dann aber, nach dem Sturze Galba's und Otho's, gegen Vitellius für seinen Vater nach dem Throne der Cäsaren zu streben. Denn Bespasian selbst trug sich mit diesem Gedanken nicht, sondern widerstrebte ihm mit aller Macht. Titus wollte nach Rom eilen, mit dem geheimen Gedanken, sich von dem greisen Galba adoptiren zu lassen. "Aber bei der Ankunft in Korinth erfuhr er die Ermordung Galba's, die Proclamirung Otho's und die Empörung des Vitellius. Titus kehrte nach Asien zurück, begeistert von Weissagungen, Orakeln und Wunderzeichen, die ihm die zukünftige kaiserliche Größe seines Geschlechts verkündet hatten. Bespasian hatte Otho anerkannt und wollte von nichts wissen. Desto energischer begann Titus das Spiel seiner Jntriguen. Versprechungen, Schmeicheleien, Milde wandte er an, die Armee für sich zu gewinnen; die Freundschaft der benachbarten Könige erwarb er sich auf gleiche Art. Seine Geliebte, die Jüdin Berenice, Tochter des Herodes Agrchpa I., unterstützte ihn hierin nachdrücklich. Die römischen Statthalter der benachbarten Provinzen gewann er durch die äußerste Zuvorkommenheit. Man stürmte auf Bespasian von allen Seiten ein, aber dieser blieb noch immer das größte Hinderniß für seinen ehrgeizigen Sohn. Er wollte nur Soldat sein, und fürchtete die Gefahren, welche in jedem Falle, sei es die Niederlage, sei es die Eifersucht der übrigen Generale, einem Usurpator bereitete. Aber er ließ doch den Titus gewahren, bis dieser ihn vollständig compromittirt hatte. Titus zeigte einen, von ihm gefälschten Brief des ermordeten Otho vor, in welchem dieser Bespasian aufforderte, ihn zu ersetzen und zu rächen. Endlich riß Titus seinen Vater fort. Als Bespasian aus seinem Zelte trat, umringten ihn seine Soldaten und zwangen ihn fast, sich als Kaiser begrüßen zu laffen. Der ganze Orient fiel dem bei, die Legionen von Jllyrien, Mösien, Pannonien, Dacien rückten gegen Rom und mit dem Anfang des Jahres 70 wurde das Schauspiel gekrönt. Bespasian trat in Rom die Regierung an, während Titus nach Judäa zurückkehrte, um dort den Krieg zu beenden. Wer diesen ganzen Vorgang in feinen Einzelheiten verfolgt, erkennt leicht all den Lug, all die List, all die Künste, welche Titus mit unendlicher Gewandtheit und Energie spielen ließ, sowohl um die römische Welt für sich zu gewinnen, als auch feinen Vater zu nöthigen, wider seinen Willen den kaiserlichen Thron zu besteigen. Wir haben jetzt Titus wieder nach Judäa zu begleiten. Es ist hier nicht der Ort, die nunmehr begonnene Belagerung Jerusalems bis zu ihrem Ende zu beschreiben. Der Heldenmuth, die unerschöpfliche Ausdauer, der Kampf trotz Hungers und Parteiwuth gegen die Tapferkeit und Waffenkunst der Römer, die ihre besten Legionen hingesandt hatten, ist allgemein bekannt. Es mußte jedes Stück Mauer, jede befestigte Position, der Tempel, die Stadt, mit ungeheuren Anstrengungen und Opfern Seitens der Römer erobert werden. Wir können diese merkwürdige Vertheidigungsweise nicht blos dem nationalen Heldenmuthe und der Freiheitsliebe der Juden zuschreiben, sondern auch dem schwerwiegenden Umstande, daß sie wohl wußten, welch' ein Schicksal ihrer harre, sobald die Waffen ihren Händen entfielen. Die Greuelthaten und Mordscenen, durch welche die Römer die Juden zum Aufstand gebracht, und die furchtbare Behandlung, welche die besiegten Theile des Landes bereits erfahren, das Blutbad und die Verwüstung, welche die Römer angerichtet, mußten die Juden zum Verzweiflungskampfe nöthigen. Mit großer Breite erzählt uns Josephus von mehrmaligen Gefahren, welchen Titus, der sich zu weit vorgewagt hatte, sich aussetzte, und die er mit bewunderungswürdiger Kühnheit und Unerschrockenheit überwand. Er kann aber nicht verschweigen, wie Titus alle Gefangenen, selbst alle, die freiwillig die Stadt verließen, im Angesicht der Mauern kreuzigen ließ, um die Belagerten durch Schrecken zur Uebergabe zu zwingen. Aber es