Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 208 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 directen Erben der babylon. Gemara scheinen „den Talmud der Westländer" nur wenig gekannt zu haben und erst in der nachgeonäischen Zeit begegnen wir öfteren Anführungen und Benützungen derselben. Alfüßi und Maimuni beziehen sich zwar in gewissen Fällen bei der Feststellung der Halacha auf den Jeruschalmi, dennoch aber, als der «wahrscheinlich von den Saboräern aufgestellte) Kanon, rssbr: „daß die Halacha nach den Späteren gehe (von Abaje und Raba an)" allgemeine Geltung bekam, so entfiel in der Regel die Rothwendigkeit, auf die Lehrsätze der älteren palästinischen Amoräer zurückzugehen, und so wurde der babyl. Talmud die oberste Autorität in der halachischen Entscheidung, was von Alfüßi schon ausdrücklich bemerkt wird. Die größten Talmuderklärer, wie Raschi und R'Tam, sahen den babyl. Talm. als ein vollständiges und vollendetes Repertorium des gesammten Traditionsstoffes an, in dem alles ältere und nebenher gehende absorbirt und verarbeitet sei, und charakteristisch dafür ist z. B. die Auslegung in bonam xartew, die R. Tam (Ab. sara 19 b) den oben cirten Wortspiel R. Jochanan's gibt (r^u), in dem Sinne, daß alles, was gelehrt werden soll, im Babli durchgearbeitet sei. Bedenkt man nun noch, daß der größte Theil des jerusal. Talmuds, d. h. des in den palästinischen Schulen vorgetragenen und gesammelten halachischen Materials, in der That im babyl. Talm. sich wiederfindet, so wird man es erklärlich finden, daß dieser seinen älteren Bruder verdrängte. So wurde der Babli „unser Talmud" im Gegensätze zum Jeruschalmi genannt und die ganze Folgezeit nahm nur dann auf ihn Rücksicht, wenn er etwas auf die praktische Gesetzesentscheidung Importantes bot, was aus dem Babli allein nicht zu erschließen war. — Der fremdartige Charakter des jerusalemischen Idioms machte die Beschäftigung mit diesem Talmud auch noch zu einem schwierigen, da man nur mit dem babylonischen Chaldäisch vertraut war — und so ist die Vernachlässigung erklärlich, die bis auf unsere Tage der jer. T. erfuhr. — Die alte Haggada dagegen hat in dem Jerusch, ihre Hauptquelle, in erster Linie der Rabbät zur Genesis, der ja geradezu „die palästinische Haggada" genannt wird, und auch die übrigen Midraschim, die Pesikta, der Babli zu Levit., den 5 Rollen haben viele Lehrstellen aus demselben. Erst die neuere Zeit bemüht sich, gut zu machen, was die Vergangenheit an diesem Werke vernachlässigt hat, und charakteristisch dafür ist die Thatsache, daß auf die zwei bisher einzigen vollständigen Ausgaben desselben von 1503 (Venedig) und 1609 (Krakau) in den Jahren 1866 u. 67 nach einer Unterbrechung von 257 Jahren zwei neue Ausgaben in Krotoschin und Shitomir erschienen sind. Am meisten aber ist die wiffenschaftliche Talmudforschung dazu berufen, zur Würdigung und Bearbeitung des jerusal. Talmud beizutragen. Als Quelle für das überlieferte Lehrmaterial ist er für die Text- und Realkritik von großer Bedeutuug, und enthält die alte Haggada und Barajtha zumeist in größerer Ursprünglichkeit als die Midraschim; in sprachlicher Beziehung macht er uns mit einem syrisch - chaldäischen Dialekt, der palästinischen Landessprache bekannt; er zeigt uns die Verschiedenheit der Lehrweise der Palästinenser und Babylonier und bietet endlich zur Geschichte und Archäologie manchen neuen Beitrag. Die neuere Forschung hat es darum nie versäumt, so oft es sich um die Feststellung einer gesetzlichen oder haggadischen Ueberlieferung handelt, auf die Relationen des jer. Talm. zurückzugehen, und ist in den meisten Fällen zu der Ansicht gekommen, daß der Text deffelben die authentische Ueberlieferung bester bewahrt habe, als der babyl. Talmud und die Midraschim. Ist somit der jerus. Talm. viel benützt und gewürdigt worden, so ist um so weniger für ihn als solchen geschehen, und über ihn selber als eines der bedeutendsten Denkmale des traditionsgeschichtlichen Schriftthums: seinen Charakter, seine Entstehungsweise, Abfaffung, Redaction und Alter, kurz über alle jene Punkte, welche das unentbehrlichste literaturgeschichtliche Wiffen über ein derartiges Werk ausmachen, ist bisher kein größerer Versuch zu verzeichnen. Herr Director Frankel hat zu seinen vielfachen Verdiensten um die Wiffenschaft des Talmuds das neue hinzugefügt, an diese Arbeit sich gewagt zu haben, und das vorliegende Werk ist das Resultat eines gründlichen Studiums dieses Talmuds, und speciell eingehender Untersuchungen der zu einer „Einleitung" gehörigen Momente. Es soll diese Jntroduction eine Einführung in das Studium des jerus. Talmud sein, den F. mit einem Commentar herausgiebt; ihre Anlage entspricht der in der „Hodegetik zur Mischna." Der Verf. giebt zuerst nach einigen Worten über die Geschichte dieses Talmudstudiums eine Schilderung der politischen Zustande Palästinas während der Zeit der Hochschulen (wobei besonders die Berichte über Kaiser Diocletian und den Feldherrn Ursicinus in Betracht gezogen werden) und geht dann auf die Talmudschulen selbst über. Zu m-n S. 6a ist noch zu bemerken,