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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-15 · Heft 11 (15.3.1870) · p. Seite 205

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 11 (15.3.1870)
Date
1870-03-15
Page
Seite 205 (sequence 5)
Language
German
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205 was Bedürfniß hat, sei es nach momentaner pecuniärer Hilfe, sei es zur Ausbildung für Lebenszwecke. Eine Ableitung oder Abwälzung auf eine größere Gruppe mittragender Mittel- oder Kleingemeinden muß sich ebenso nützlich als nothwendig erweisen. Andererseits bieten die Großgemeinden den kleineren eine Fülle von Instituten, deren Herstellung letzteren eine Unmöglichkeit wäre, wofür diese wieder den Großgemeinden als praktische Vorbildungsstätten für Religionsbeamte, Lehrer, Cantoren, Rabbiner von bisher unbeachtet gebliebenem Nutzen sind — und schon deshalb die Großgemeinden, ahgesehen von dem allgemeinen jüdischen Jntereffe, diese Klein gemeinden in den Stand zu setzen haben, einen höheren Maßstab an die Intelligenz ihrer Beamten legen zu können und zu sollen. Während auch die Großgemeinden als Ansammelplatz größerer Intelligenz und größeren Einflusses fürbedeutendere allgemeine Angelegenheiten einen höheren Grad von Initiative besitzen, wogegen bei den Kleingemeinden oft locale und persönliche Rücksichtnahmen lähmend einwirken, greifen doch in Kleingemeinden durch die größere Unmittelbarkeit der Bemühungen, energischere Anregungen Platz. Im Weiterverfolg dieser Gedankenkette der Wechselwirkung der Groß-, Mittel- und Kleingemeinden ergiebt sich das praktische Resultat, daß für das Interests an dem Gemeindetag keine Großgemeinde zu groß und keine Kleingemeinde zu klein ist. Indem ich nun zu den einzelnen Beschlüsten über die Zwecke des Gemeindetags übergehe, ist es höchst bezeichnend, daß von allen den Punkten, welche wir als Gegenstände der Berathung ursprünglich vorschlugen, derjenige in erster Reihe erscheint, welcher sich auf „Mittheilung und Austausch von Erfahrungen über Einrichtungen in der Verwaltung" rc. bezieht. Hier, in einer Versammlung von praktischen Männern, mit wenigen Ausnahmen sämmtlich Gemeindevorsteher oder Vorstandsmitglieder, trat zu allererst das Gefühl des Lernbedürfnistes „wie man es besser machen könne" in den Vordergrund. Wir wollen es uns nur gestehen, es gibt vielleicht keinerlei Verwaltungskörperschaften, in welchen der Dilettantismus so sehr vorherrschend ist, wie in den meisten jüdischen Gemeindeverwaltungen. Es gibt noch keine Wistenschaft der Gemeindewirthschaft. An demselben Nebel leiden sämmtliche Städteverwaltungen. Stadträthe undStadtverordneten-Collegien bestehen größtentheils aus Berwaltungsdilettanten. Eine Wistenschaft der Städtewirthschaft giebt es auch noch nicht. Man hat es noch nicht einmal zu einem bewährten allgemein anerkannten Besteuerungssystem gebracht. Die indirecten Steuern sind meist höchst unvolkswirthschaftlich. Die Wahlen erfolgen meist nach andern Sympathien und Kriterien, als denen der Bewaltungsfähigkeit. Aus diesem Gefühle sind auch die Stävtetage hervorgegangen, die immer mehr und mehr Ausdehnung gewinnen und schließlich doch zu dem in Leipzig längst angeregten „deutschen Städtetag" führen werden. Tritt aber dieses Moment in unseren allgemeinen Städteverwaltungen hervor, wo doch so viele Elemente der juristischen, technischen, cameralistischen Sphäre angehören, was Wunder, daß es sich in der jüdischen Gemeindeverwaltung geltend macht, wo gewöhnlich ein ganz anderer Maß stab bei den Wahlen angelegt wird, als der nach Berwaltungs t a l e n t e n. Es hat sich dieses auch gerächt. Es hat sich erwiesen, daß nicht immer, ja selten diejenigen, die für sich einen glücklichen Erwerbs - und Verwaltungssinn besitzen, auch jenen Gemeinsinn, jene Selbstverleugnung, jene Fühlung mit den allgemeinen Interessen mitbringen, welche intuitiv das Richtige und Gemeinnützige finden lasten. Gewohnheits- und erfahrungsmäßig wechselt das System mit den Persönlichkeiten, und das oft geistreiche Stegreifthum wuchert leicht, wo dem behäbigen Selbstvertrauen die Zügel der Selbstverleugnung beim Einzelnen fehlen. Ringen sich jedoch aus den nun einmal gegebenen Verhältnissen wirkliche Berwaltungstalente empor, so mögen sie der Gesammtheit der Gemeinden zu Gute kommen, und können da, wie so oft,, die Propheten aus den dunkelsten Winkeln auftauchen. Bei besagtem Mangel an einer gemeingültigen Wissenschaft für die Gemeindeverwaltungen wird man nothgedrungen zu jenen allgemeinen Resultaten, welche die Lehre der Volkswirthschaft iso weit sie anwendbar) geschaffen, greisen müssen, und es werden sich wohl zweckmäßigere Einrichtungen gestalten lasten, als sie aus der gewohnheitsmäßigen K'hille-Routine fließen. In diesem erwähnten ersten Beschluffe, dem Austausch der Erfahrungen, hat der Gemeindetag jene oft angefochtene jüdische Bescheidenheit glänzend gerettet und bewährt und ein dankenswerthes Zeugniß abgelegt, daß der Sinn und das Streben nach besserer Erkenntniß und nach Vervollkommnung ein allgemeiner ist.

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