Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
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204 nach allen Richtungen hin üben wird. Die jüdische Masse hat ihre Energie stets aus den beiden Factoren, aus ihrem religiösen Leben und aus ihrer realen Noth, der materiellen Welt die Existenz abzuringen, gezogen. Es wäre ein großer Jrrthum, wenn man glaubte, daß die Industrie sich selbst Geisteskraft genug giebt, um in derselben dauernd eine höhere Stufe einnehmen zu können. Dies ist nimmer der Fall. Gerade weil die Industrie, zu welcher wir selbstverständlich auch den Handel zählen, nur mit dem Materiellen arbeitet und materielle Zwecke vor Augen hat, bedarf sie neben sich eines bedeutenden geistigen Lebens, um aus diesem immer von Neuem die geistige Regsamkeit und den Aufschwung zu ziehen, durch welchen sie eine große und immer größere Entwickelung zu erreichen vermag. Die Geschichte lehrt dies hinlänglich, und wer z. B. die Geschichte Hollands und Englands mit einander vergleicht, wird sich schnell davon überzeugen. Wenn also die jüdische Masse, dem industriellen Leben hingegeben, ihres bisherigen großen Lebensprincipes, des religiösen Geistes, der Arbeit auf dem religiös-geistigen Gebiete, des religiösen Aufschwunges entbehren würde, könnte sie auch auf dem industriellen Felde keine Superiorität behalten, und eine doch nur oberflächliche profane Bildung vermöchte ihr den geistigen Ausfall nicht zu ersetzen. Dies muß gewissenhaft erwogen werden, und wer unter uns nicht gleichgültig vor den höheren Aufgaben des Lebens vorübergeht, wer sie mit Gewisienhaftigkeit und Energie austaßt, der muß sich sagen, daß Alles daran gesetzt werden müsie, um eine Besierung herbeizuführen. Und wie kann dies geschehen? Nicht anders, als durch einen engeren Anschluß, als durch eine aufrichtigere Vereinigung aller Derer, welche das Heil des Judenthums und des jüdischen Stammes nicht in der Stabilität finden, die bei der mittelalterlichen Gestaltung des Judenthums beharren will! Ja, sie müsien sich fester aneinanderschließen, sie müsien eine Partei bilden, sie müsien energisch an der Verwirklichung aller der Gedanken Mitarbeiten, welche für Gegenwart und Zukunft des Judenthums eine sichere Grundlage schaffen wollen, sie müsien ihre eigne Hand hierzu bieten, und Alle heranziehen, auf die sie Einfluß üben! Hierin allein liegt die Rettung und das Heil. Aus einem Gerichte über den Gemeindetag. Vorbemerkung. Von einem hervorragenden Mit> gliede des Gemeindetages wurde an die Gemeinde, die er vertrat, ein ausführlicher Bericht abgestattet. Er wurde uns mitgetheilt, und wir fanden darin wichtige Momente so einsichtlich besprochen, daß wir mit Vergnügen den größten Theil des Berichtes hier geben. Nachdem über die Verschiedenheit der Synode und des Gemeindetages in ihrem Wesen, ihrer Zusammensetzung und ihren Zielen gehandelt worden, heißt es weiter: Nun trat die Frage heran: Soll sofort mit Feststellung eines Statuts vorgegangen werden? Bei Erörterung dieses Gegenstandes traten unerwartet zwei Gegensätze hervor, die nicht verschwiegen werden sollen, weil sie sich im Laufe der Zeit naturgemäß noch oft geltend machen würden und die Momente der Ausgleichung derselben hier zu deponiren für die Zukunft von Nutzen fein dürfte. Während bei einer Borberathung von einer großen Anzahl Abgeordneter ein thatkräftiges, sofortiges Vorgehen, die Fertigstellung eines Organisationsstatuts für den Gemeindetag und das Eintreten in praktische Fragen mit Nachdruck befürwortet wurde, sollten, nach anderer Auffasiung, nur vorberathende einleitende Vereinbarungen, ohne die Gemeinden zu binden, getroffen werden, und den Gemeinden selbst durch ihre Vorstände das Weitere Vorbehalten bleiben. Man einigte sich auf einem Bermittelungsweg, der im Protokoll vorliegt. Beim Ueberblick über die verschiedenen Meinungen stellte sich heraus, daß die G r o ßgemeinden gegen das rasche Vorgehen waren und die kleineren Gemeinden die größere Energie befürworteten. Es ergab sich ein fruchtbarer Stoff, festzustellen, in wie fern der Gemeindetag Nutzen für die Kleingemeinden von Seiten der großen und andererseits oen Großdemeinden Nutzen durch die Kleingemeinden schaffen könne. Abgesehen davon, daß im allgemeinen jede Bereinigung jeden Betheiligten stärkt, laßt sich constatiren, daß beispielsweise durch eine Regulirung des Armenwesens die Großgemeinden von einer unendlich drückenden Last befreit werden. Den Großgemeinden strömt Alles zu,