Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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203 sen sicht, so wächst auf der andern Seite nicht die Energie des Widerstandes, nicht die Thalkraft eines neuen Lebens, sondern der Jndifferentismus, die Schlaffheit, das laisser aller. Der genauere Blick zeigt sogar, daß der Geist der Spaltung bereits über die Grenzlinie der sg. Orthodoxen hinübergegangen, und das andere Feld zu durchwühlen begonnen hat. Man bemüht sich, eine sg. Mittelpartei zu bilden, die selbstverständlich sofort den Charakter und die Manieren einer ecclesia ruilitans annimmt und mit Behagen nach rechts oder links schlägt, wenn auch nur in die Luft. Don dieser Mittelpartei bis zu den Religionslosen gruppirt man sich wieder um kleine Mittelpunkte zu besonderen Kreisen. Hieraus entspringt jenseits des Grabens, den die sg. Orthodoxen gezogen, eine solche Haltlosigkeit, ein solcher Mangel an Zusammenhang und Zusammenwirken, daß bei dem ersten Choc, z. B. bei der Aufhebung des Gemeindezwanges seitens des Staates, die Folgen zu Tage treten. Ueberall erscheint uns hier ein Mangel an Gemeinsinn, an Esprit de Corps, eine Sucht nach Vereinzelung, um im einzelnen Kreise der Einzige zu sein, ein Hintenansetzen der allgemeinen Jntereffen, Zusammenhangslosigkeit, ja Feindseligkeit gegen alle wahrhaftige und innige Vereinigung. Gegen diesen Geist haben wir immer gekämpft, und wer von der Gründung dieser Zeitung an die von uns ins Leben gerufenen oder auch nur vorgeschlagenen Veranstaltungen durchmustert, wird in ihnen immer die Vereinigung Vieler zu gemeinsamen Zwecken erkennen; wo von Anderen Entwürfe und Bestrebungen ausgingen, welche wir als gesund und zweckmäßig ansahen, haben wir bereitwillig uns angeschloffen und eingeordnet. Aber unsre Bestrebungen fanden zwar oft im größeren Publikum Anklang und Unterstützung, aber am wenigsten bei denen, die hierzu ganz besonders berufen waren. Warum wir dieses Bild hier aufrollen? Nur in der Absicht, wo möglich zur Befferung dieser Zustande, zur Heilung dieser Schäden aufzurufen und zu veranlassen. Oft kommt es vor, daß man Zustande und Wirkungen nur zum klaren Bewußtsein zu bringen braucht, um einen befferen Weg einschlagen zu sehen. Zwei Wirkungen aber, welche die geschilderten Zustände zur Folge haben, sind als von großer Tragweite hervorzuheben. Die eine, daß irgend etwas Bedeutendes zu schaffen unter solchen Verhältniffen unmöglich ist, so daß die besten Gedanken erfolglos bleiben und abgenutzt werden. Wenn alle Glieder müßig sind, wenn jedes derselben den Dienst verabsäumt, den es zu leisten die innerste Verpflichtung hätte, wenn alle Organe ohne Zusammenhang, ohne ineinandergreifende Thätigkeit sind, was kann da die Gesammtheit des Organismus schaffen, und in welchen Zustand muß dieser gerathen? Und dies ist eben die zweite, noch traurigere Wirkung. Unter diesen Verhältnissen muß nothwendig der Geist des jüdischen Stammes sinken und nach und nach verfallen. Manschte hieraus wohl und glaube nicht, daß diese Befürchtung das Erzeugniß einer augenblicklichen Erregung sei, sie hat sich vielmehr bei uns bereits seit längerer Zeit durch sorgfältige Beobachtung gebildet. Wir gestehen gern zu, daß eine gewiffe Bildung, Geistesthätigkeit und Wiffen auch in den letzten Jahrzehnden sich bei unseren Glaubensgenossen weiter verbreitet haben, daß darum auch in der letzteren Zeit viele einzelne befähigte Männer sich bemerklich und verdient gemacht haben. Aber das letztere fand nur auf außerjüdischen Gebieten statt, und andrerseits übersteigen auch diese, einige Wenige ausgenommen, die Grenzlinie einer achtbaren Mittelmäßigkeit nicht, Nach dem Berhältniß, wie in früheren Jahrzehnden bei der geringeren Ausbreitung der Cultur und Bildung in der jüdischen Maffe hervorragende und schöpferische Geister aus dieser entstanden, ist es nur eine geringe Zahl jüdischer Männer, die in der jüngsten Zeit sich hervorgethan und eminente Stellung einzunehmen vermochten. Innerhalb des Judenthums selbst aber ist dieses Sinken des jüdischen Geistes noch offenbarer. Nach allen Beziehungen hin sind es bei jeder Gelegenheit fast immer nur noch die älteren Männer, die wirksam sind und zu denen man seine Zuflucht nehmen kann. Niemand, um ein Factum anzuführen, fühlt dies mehr, als die großen Gemeinden, wenn sie Vacanzen besetzen wollen. Es giebt da immer eine große Auswahl, nur nicht unter hervorragenden Männern, trotzdem es wohl keine Zeit gegeben, in welcher genialen Köpfen es so leicht gemacht ist, sich allgemein erkennbar zu machen. Und nun erst die große Maffe! Wenn den Wortführern der sg. orthodoxen Partei iinmer weiterer Spielraum gegeben wird, die Maffe in ihrer Weise zu durchwühlen, und zwar dadurch, daß man von der anderen Seite ihnen nur Schlaffheit und Unthätigkeit entgegensetzt, so wird daraus unausweichlich eine Verödung, eine Verdunkelung, eine Abschwächung des jüdischen Geistes erfolgen, die sich nicht blos in religiöser Beziehung fühlbar machen, l die vielmehr ihre erdrückende, ihre ertödtende Wirkung li*