Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 11 (15.3.1870)
- Date
- 1870-03-15
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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202 ja auch nichts zu sagen haben, was nicht seit Jahrhunderten schon gesagt ist; womit sollen sie also ihre Blätter füllen, wenn nicht mit Ausgeburten ihrer Medisance? Jndeß weiß man,- daß ein Blatt Papier, auf welches Tinten- oder Oeltropfen gekommen, von diesen weithin durchzogen wird; und so geben wir zu, daß auch in anderen Kreisen als die sich orthodox nennenden, eine Heftigkeit und Boshaftigkeit der Sprache sich zeigt, die nicht zu den edelsten Früchten der Cultur gehört. Wo irgend eine Meinungsverschiedenheit selbst zwischen zwei sonst sich Nahestehenden zum Vorschein kommt, wird gegen einander sofort ein Ton angeschlagen, der, vor einen Gerichtshof gebracht, empfindliche Ahndung nach sich ziehen würde. Das würde nun Alles, wenn auch mit Resignation, erträglich sein, wenn man nicht voraussetzen müßte, daß hinter diesen Schreibereien doch immer ein Lesepublicum stehen muß, das solches Gebühren billigt und goutirt; ohne dieses würden jene nicht bestehen können. So ergiebt sich hieraus eine Folgerung auf den religiösen und sittlichen Zustand, die betrübend ist. Wir brauchen unsre Leser nicht darauf aufmerksam zu machen, daß wir uns mit allem Fleiße und großer Aufmerksamkeit von diesem Treiben fern halten. Wir gehen auf ihre Herausforderungen nicht ein, vor ihren Angriffen vorüber, und setzen ihnen das Stillschweigen der Verachtung entgegen. Man blättere diese Zeitschrift durch und man wird sehen, daß wir stets die Sache im Auge haben und Persönlichkeiten, soweit sie irgend von jener zu trennen sind, unbeachtet lasten. In der That sind wir auf den Umstand, daß wir der Urheber der regelmäßigen periodischen jüdischen Preste aller Länder sind, bei dieser Entwickelung der jüdischen Journalistik durchaus nicht stolz; eher könnten wir dies werden, wenn wir die wachsende Zahl und die Unermüdlichkeiten der Pamphletisten gegen uns sehen. Es giebt Augenblicke, wo man glauben könnte, man müste doch etwas bedeuten, wenn man sich von einer so großen Meute angefallen sieht. Davon heilt aber ein Blick auf die Beschaffenheit der meisten dieser Kläffer hinlänglich. Doch dies Alles ist für die Gesammtheit von geringerer Bedeutung. Die Hauptsache liegt in den factischen Vorgängen. Die s. g. orthodoxe Partei drängt aller Orten auf Spaltung, und wo diese nach den Gesetzen des Landes nicht möglich ist, auf Hinderung alles deffen, was geschehen und geschaffen werden könnte. Wer ein wenig in die Vergangenheit zurückblickt, wird bemerken, daß diese Sucht nach Spaltung ihre ersten Wurzeln in dem Verlangen nach Absonderung, oder vielmehr in der bewußten Zurückhaltung von allen gemeinsamen Acten hatte. War nicht der Aufruf zur ersten Rabbinerversammlung (1844) an Alle ergangen, und war es nicht der ausgesprochene Gedanke, sie zum Mittel- und Ausgleichungspunkte aller Parteien zu machen? Würden nicht, wenn ein aufrichtiger Wunsch nach friedlicher Entwickelung vorhanden gewesen, die Männer aller Richtungen gekommen sein? Aber man kam nicht, und trat nun sofort mit Protesten und Verketzerungen auf. War nicht dieselbe Aufforderung zu der Versammlung in Castel (1508», zur Synode (1800) ergangen und hatte denselben Erfolg? Mögen doch die Gegner aufhören, sich auf ihre Treue gegen den Talmud zu berufen — auch das ist Heuchelei, denn sie haben den Geist der talmudischen Lehrer so gründlich in sich ausgelöscht, das Wesen derselben so vollständig aus sich herausgeschafft, daß ihnen nur eine äußerliche Hülse geblieben ist, ohne Leben und ohne Werth. „Wenn Israel uneinig ist, so sprechen die Engel vor Gott: Sie beschäftigen sich nicht mit der Thorah, die du ihnen gegeben, sie liegen nur ihren Zänkereien ob." Dieser Ausspruch des Midrasch hat bei unseren Gegnern die volle Anwendung; sie liegender Thorah wenig ob, sondern nur Zänkereien, ttnd untergraben alle Eiillracht und jedes Streben zum Frieden. Was hilft es, klar wie die Sonne zu machen, daß die zu gründende Hochschule für die Wistenschaft des Judenthums nichts mit dem Getreibe der Parteien zu thun habe, und Lehrer und Vertreter aller begründeten religiösen Richtungen, sobald sie wistenschaftlichen Gehalt und Charakter haben, anstellen werde? Es gibt Etwas zu schaffen, es gibt einen Vereinigungsnnd Concentrationspunkt zu bilden, und dies genügt, um die gehässigste Feindseligkeit hervorzurnfen. Zu der Widerwärtigkeit, welche jene Pamphletisten für die jüdischen Jnteresten erwecken, kommt also hier eine Auflösung und Zersetzung, welche gefährliche Folgen nach sich ziehen muß. Jndesten ist dies nur die eine Seite des Bildes. In der Regel ruft eine Reaction eine um so lebhaftere Action in der Gegenpartei hervor. Sehr häufig zeigt uns die Geschichte, daß die besten Schöpfungen ihren ersten Impuls und ihre erste Nahrung der entschiedenen, ja feindseligen Opposition zu verdanken haben. Bemerken wir nun Derartiges auch unter uns? Wir bedauern dies verneinen zu müssen. Wie man auf der einen Seite die Spaltung absichtlich fördern und darum wach-