Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1870)
- Date
- 1870-03-08
- Page
- Seite 200 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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200 so findet der sorgsame Forscher ihre Spuren doch überall, zum deutlichen Zeugniß, daß es nicht die Natur und der bewußte Wille der Nachkommen Abrahams war, wenn sie in den WelthLndeln seit ihrer Zerstreuung eine so kleine Rolle gespielt haben. Ebenso wie ein Jude aus dem Schiffe des Columbus auf seiner Entdeckungsfahrt nach einem neuen Welttheile sich befand, ebenso wurde auf seinen Irrfahrten Mazzini von einem treuen jüdiscben Freunde und Anhänger begleitet. Ob jetzt noch, wissen wir nicht. . Wir wollen nun durchaus keinen Vergleich zwischen Columbus und Mazzini anstellen, obgleich wenigstens ein Theil deffen, was Mazzini ersehnte und erstrebte, bereits, wenn auch nicht durch ihn, in Erfüllung gegangen. Daß übrigens Mazzini nicht das Ungeheuer ist, als welches ihn die europäische Polizei steckbrieflich contrefeite und verfolgte, kann Jedermann aus seinen 1868 in zwei Bänden in deutscher Ueberfetzung (Hamburg, Hofftnann u. Campe, erschieneneu Schriften erkennen, und ebenso aus dem ihm gewidmeten Kapitel in der soeben (Leipzig, S. Hirzel) veröffentlichten Biographie Karl Mathy's von Gustav Freytag. Der spätere badische Staatsminister Mathy hatte 1834 aus Baden fliehen müssen und war nach der Schweiz gegangen, Frau und Kind in der Heimath zurücklasiend und mit schweren Sorgen um sie. In der Schweiz suchte er lange vergebens nach einer lohnenden Beschäftigung. Da heißt es nun S. 95: „In den ersten Tagen seines Berner Aufenthaltes war ihm bei einem Bekannten ein kleiner brauner Flüchtling aus Italien unter dem Namen Roussillon vorgestellt worden, es war Angelo Usiglio, ein Israelit aus Modena, kein Gelehrter, aber ein zuverlässiger Mann, der vertraute Cassirer und Geschäftsführer Mazzini's. Neben ihm Giovanni Battista Ruffini und dessen Bruder Agostino, zwei schöne hochgewachsene Jünglinge, Modenesen aus angesehener Familie, denen ihre vornehme Bescheidenheit und ihr Schicksal eine ungewöhnliche Theilnahme bei den warmherzigen Deutschen verschafft hatte. Die Italiener und Mathy hatten einander wohl gefallen, sie hatten in gutem Einverständniß über Literatur und Heimath geplaudert. Allmählig machte sich's, daß sie übereinkamen, einander gegenseitig italienisch und deutsch zu lehren. Diese Stunden, bei denen Mathy mehr lernte 'als die Italiener, wurden wieder Veranlassung, daß Usiglio dem Deutschen, dessen Wesen er wahrscheinlich prüfend beobachtete, eine Abhandlung Mazzini's zur Uebung im Lesen und Uebersetzen gab. Mathy sprach seine Uebereinstimmung mit den großen Gedanken darin aus, Usiglio gönnte ihm dafür Mittheilungen über Mazzini. Darauf erhielt Mathy ein kurzes artiges Billet von Mazzini, worin ihn dieser ersuchte, den Prvspect für eine neue Zeitung: „La jeune Suisse“ in's Deutsche zu übersetzen. Das that Mathy. Darauf kam Usiglio zu ihm und bat ihm die Stelle des Uebersetzers bei dem neuen Journal, das zu Biel in franzözösischer und deutscher Sprache erscheinen sollte, mit 1200 Schweizer Franken Gehalt an, und Usiglio kam gerade in den Tagen, wo Mathy in leidenschaftlicher Bewegung um das Schicksal und die Reise seiner Frau sorgte. Der Antrag traf die rechte Stunde, er bot Mathy genau Alles, was an festem Gehalt nöthig war, um einer Familie den Unterhalt zu sichern, er hob ihn auf -einmal aus demüthigender Sorge." — Es versteht sich von selbst, daß Mazzini damals unter falschem Namen und sehr versteckt in der Schweiz sich aufhielt, oft von Verräthern und Spionen bedroht, während feine Freunde und besonders Usiglio die Polizei stets irre zu führen verstanden. Es war ein Posten, der die größte Opferwilligkeit und Umsicht erforderte, welchen jener Jude einnahm. Curiosmn. Oeffentliche Blätter erzählen: Baron Adolph Rothschild, welcher sich derzeit in Nizza aufhält, hatte bekanntlich in den letzten Tagen ein Duell mit Herrn Randouin, Secretär an der Präfectur in Nizza. Der Hergang war folgender: Baron Rothschild hatte vor etwa zehn Jahren ein Kunstwerk von sehr zweifelhaftem Werthe in einer Armenlotterie gewonnen. Dieses Kunstwerk genirte ihn. Verschenken wollte er es vermuthlich nicht. So kam er denn auf den Gedanken, sich desselben auf dieselbe Weise zu entledigen, wie er es erhalten — er wollte es ausspielen. Unglücklicherweise fanden die Lose keinen Absatz, und das Gemälde blieb ihm. Darüber machte nun die Gesellschaft von Nizza gute und schlechte Witze. Das war natürlich für den Baron fatal und er revanchirte sich auf noble Weise. Er schenkte den Armen von Nizza 3000 Francs und dem Municipalrath 60,000 Francs, um eine Stiftung für arme junge Mädchen zu gründen. Natürlich verstummten die Lästerzungen sofort. Nur im Salon des Herrn Randouin, wo einige Tage später ein Proverbe aufgeführt wurde, kam die Affaire wieder auf das Tapet, und zwar in einem Couplet, das mit harmlosem Spott sich gegen den Baron wendete. Am nächsten Morgen fand das Duell statt. Herr Randouin wurde an der Schulter leicht verwundet. Die Versöhnung der Gegner fand unmittelbar nach dem Duell statt. Verlag von Banmgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.