Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1870)
- Date
- 1870-03-08
- Page
- Seite 199 (sequence 19)
- Language
- German
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199 Grundstücke von seinem Bruder etwas Geld, um mit diesem einen Handel mit Pferden und Maulthieren zu treiben. Aber er hatte das Unglück, eines Tages im Theater einzuschlafen, während Nero sang, und um den Folgen dieses Verbrechens der Majestätsbeleidigung zn entgehen, verbarg er sich in einer kleinen entlegenen Stadt. Unterdeß hatte Titus in Deutschland und Großbritanien gedient, sich ausgezeichnet und ebenso viel Much wie Mäßigung bewiesen. Durch das Unglück seines Vaters nach Rom zurückgeführt, trat er als Advocat auf und machte sich mit den Häuptern der stoischen Philosophie vertraut, deren echt republicanische Gesinnung er kennen lernte. Er heirathete nach einander zwei Frauen, von denen die erste bald starb, die zweite er nicht liebte und bei der Thronbesteigung seines Vaters verstieß. Von neuem zog das Glück Vespasian aus seinem Versteck. Der Aufstand der Juden und deren glückliche Erfolge ließen Nero einen fähigen, aber ziemlich unbekannten Feldherrn suchen, und einige Freunde machten ihn auf Vespasian aufmerksam, der herbeigeholt und an die Spitze des Heeres, welches die Juden züchtigen sollte, gestellt wurde; Titus erhielt den Befehl über eine Legion. Vespasian entwickelte große Feldherrntalente, Unerschrockenheit und Wachsamkeit in außerordentlich ein Maße, und seine Erfolge erwarben ihm, da die tüchtigen Generale damals schon selten waren, einen großen Ruf bei den syrischen, mosischen und illyrischen Heeren. Aber auch Titus erwies seinen persönlichen Muth, ein Pferd wurde unter ihm getödtet, ein Steinwurf verwundete ihn schwer an der Schulter, so daß er eine schmerzhafte Schwäche des Armes zurückbehielt. Josephus in seiner Geschichte des jüdischen Krieges laßt Titus bei folgenden Gelegenheiten in den Vordergrund treten. Vor Tarichaa läßt er ihn an seine muthigen Reiter eine lange Rede halten und dann an ihrer Spitze auf die Feinde einsprengen; diese flohen, Titus tödtete viele im Nachsetzen, schnitt ihnen die Flucht nach den Mauern ab, und da er gewahrte, daß in der Stadt Streitigkeiten ausgebrochen, hielt er wieder eine Rede — nach dem Lieblingsgebrauch des Josephus — und sprengte durch den See in die Stadt. Er nahm sie ein, und soll dem blutigen Gemetzel „nach Vernichtung der Schuldigen" ein Ende gemacht haben. Bei der Belagerung Gamala's hatten die Römer eine große Schlappe erlitten, bis Titus ankam und mit seinen Reitern in die Stadt einbrach. Er trug dadurch zur Einnahme bei, die jedoch hauptsächlich durch ein plötzlich entstandenes Sturmwetter vollendet ward. Das Morden unter Titus Anführung war unbeschreiblich. Gegen das letzte sich vertheidigende galiläische Städtchen Giskala sandte Vespasian den Titus; dieser vernachlässigte aber besten Eroberung durch Ueberraschuug, — was Josephus so auslegt, daß Titus vorausgesehen, bei einer gewaltsamen Einnahme wären sämmtliche Einwohner nievergehauen worden! Lieber läßt er den Titus eine Anrede an die aus den Mauern befindlichen Einwohner halten, die fruchtlos blieb. Ja, Titus ließ sich noch einmal tauschen und den Anführer und die Soldaten in der Nacht entwischen; dafür ließ Titus über 50 00 der Einwohner niederhauen. (Fortsetzung solgt.) Auch heimathlos. Ihr in der Feuilleton-Beilage Nr. 7 Ihres geschätzten Blattes erstattetes Referat über Karl Braun's „Heimathlos" ruft in mir die Erinnerung an einen, jenem mitgetheilten ziemlich ähnlichen Vorfall wach. — Es war wohl um die Mitte des Jahres 1862, als ich — damals Prediger der isr. Gemeinde zu Cöthen — eines Tages in das Bureau der dortigen Kreisdirection beschieden wurde, um daselbst ein von dem betreffenden Petenten, wie man mir sagte, als wichtig bezeichnetes jüdisches Document Behufs wortgetreuer Übersetzung und daneben ein bezügliches Actenstück zur Information über den fraglichen Sachverhalt in Empfang zu nehmen. Direktor B., ein äußerst humaner Beamter, ersuchte mich, die unbedingt erforderliche Translation gratis und um so schneller vorzunehmen, als es sich um das Wohl einer armen Familie handle, die, in Ermangelung einer Heimathsberechtigung, ein beständiges Nomadenleben führe. Soviel ich mich erinnern kann, ergab sich aus jenem „Documente", einer Kethuba, nur. daß die Trauung des Petenten an der Grenze des Fürstenthums D. (vielleicht an dem Puncte, wo ehemals Kurhesten, Waldeck und Hannover es hörten, wenn in Lippe Einer nieste» stattgefunden hatte, und die in jenem Schriftstücke erwähnten Personennamen lieferten nicht eben staatsgiltige Beweise. Allein auf Grund eines anderweitigen jüdischen Zeugnisses, wonach der „Berith" (und demnach wohl auch die Geburt) des Bittstellers im Cöthenfchen Lande constatirt ward, wurde nun der langwierige Notenwechsel zwischen beiden Staaten eingestellt, und die in Rede stehende Familie, die ehedem „von Volk zu Volk" und von einer Behörde zur andern wanderte, wohl auch gewandert wurde, lebt seit acht Jahren in einer anhaltischen Ortschaft, „sicher, von Niemandem gestört." (3 B. M. 26, 5). Bielitz, (Oesterr.-Schlesien), d. 23. Februar 1870. Dr. F. Cohn. Vermischtes. So sehr man auch bis auf die neueste Zeit die Juden vom allgemeinen Leben auszuschließen gesucht hat.