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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-08 · Heft 10 (8.3.1870) · p. Seite 198

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 10 (8.3.1870)
Date
1870-03-08
Page
Seite 198 (sequence 18)
Language
German
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198 Mit Nichten also ist es blos die jüdische Sage, welche Titus der Tyrannei, Grausamkeit und Bosheit anschuldigt. Was ist nun die Wahrheit? Auf welcher Seite liegt die richtige Auffassung? Diese Frage interessirt die Geschichte in einem hohen Grade, die Geschichte, welche nur die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ertragen kann. Sie muß unter jeder Bedingung ihre Aufgabe zu lösen anstreben und darf nicht darnach fragen, ob es uns schmerzlich sei, in einer langen Reihe von Ungeheuern und Schwachköpfen ein wohlthuendes Bild der Menschenfreundlichkeit und der Tugenden, das jene unterbrach, zu zertrümmern. Ganz besonders aber interessirt jene Frage die Geschichte der Juden. Man liebt es, jenen heroischen Kampf einer kleinen Nation um Freiheit und Selbständigkeit mit dem Charakter verblendeter Hartnäckigkeit und wüster Leidenschaftlichkeit zu belegen und in gewisser Beziehung zu brandmarken. Einem so sanften, liebenswürdigen und humanen Fürsten gegenüber, wie Titus gewesen sein soll, fällt der Vorwurf unüberwindlicher Feindseligkeit auf die Juden, und man geht so weit, ihren Untergang als selbstverschuldet, und die Fackel, welche der römische Soldat in den Tempel warf, als eigentlich durch sie selbst eutzündet anzusehen; das furchtbare Geschick, das sie nach der Zerstörung traf, erscheint dadurch als wohlverdient. Doch wir wollen uns nicht weiter vorgreifen und an die Untersuchung selbst gehen. Damit man uns aber von vornherein nicht der Parteilichkeit zeihe, werden wir uns zunächst an eine Abhandlung des Herrn Beul6 „Le vdritable Titus“ im ersten Decemberheft 1869 der Revue des denx Mondes anlehnen, so wie an eine zweite desselben Berfasiers „Lu maladie de Domitien“ im 1. Januarhefte. Die geschichtliche Arbeit an einer Erscheinung wie Titus Vespasianus ist eine schwierige, weil das durch die Schmeichler gefälschte Urtheil allzuleicht in das Gegentheil umschlägt. Nicht blos Josephus, sondern auch Tacitus, der nichts weniger als Republikaner war, gehörte zu den Günstlingen der Flavier, und widmete ihnen eine dankbare Erinnerung. Auch haben die Römer dafür gesorgt, daß uns die Quellen für die Geschichte ihrer Gegner verstopft sind, und der Untergang Jerusalems ebenso wie der Karthago's ist uns nur durch römische und römisch gefärbte Geschichtschreiber bekannt. Aber vielleicht ist Herr Beuls, Mitglied des französischen Instituts, allzu hart in seiner Auffassung und gekünstelt in seiner Erklärung der auffälligen Gegensätze, die sich allerdings im Charakter des Titus nicht verkennen lasten. Es kommt daher darauf an, sich vor Allem an die unleugbaren Thatsachen zu halten und erst von diesen selbst das Urtheil sprechen zu lasten. Wir wollen dies versuchen, ohne von vornherein unser Ergebniß vor jeder Irrung zu verbürgen, aber im Geiste einer Unparteilichkeit, die um so mehr der späten Abkömmlinge eines Volkes würdig ist, welches unter den Schwertschlägen des Titus, aber nach bewunderungswürdig helvenmüthiger Abwehr zusammenbrach. Und warum sollten diese anders verfahren, da sie den unermeßlichen Vortheil des Fortbestandes besitzen, während schon 'fast achtzehn Jahrhunderte über die Gruft der Dynastie hingegaugen, deren eigentlicher Gründer Titus gewesen. Auf diesem Wege gehen wir wohl am sichersten, wenn wir zuerst Titus bis zur Eroberung Jerusalems begleiten, dann ihn als Cäsar, also bis zu seiner Thronbesteigung beobachten, und ihn endlich als Imperator handeln sehen. Titus Flavins Petronius, Sohn eines Tagelöhners aus Gallia Cisalpina, wurde Centurio in den Legionen des Pompejus und ergriff nach dessen Untergang den Beruf eines Geldwechslers. Sein Sohn Flavius Sabinus, von besserer Erziehung, wurde Steuereinnehmer in Asien, zuletzt Geldwechsler in Helvetien und starb dennoch ohne großes Vermögen. Seine Gattin war eine Vespasia Polla, die Tochter eines Kriegßtribunen, eine leidenschaftliche und ehrgeizige Frau. Sie hatte zwei Söhne, Flavius, der später Prüftet von Rom wurde, und Flavius Vespasianus. Diesen letzteren suchte seine Mutter auf die Bahn der Ehren und der Macht zu treiben; da er aber einen schlichten und ehrgeizlosen Charakter hatte, folgte er nur ihren unmittelbaren Eingebungen. Durch Schmeicheleien und höfliche Dienstleistungen unter Caligula gewann er die Prätur, und seine Mutter gab ihm eine Flavia Domitilla zur Gattin, die ihm den Titus und Domitian gebar. Titus erblickte das Licht der Welt am 30. Spt. des Jahres 41 unter dem Dache eines armseligen Hauses, denn Vespasiau hatte sein Vermögen als Aedil opfern müssen. Als Claudius durch die Prätorianer zum Kaiser ausgerufen wurde, buhlte Bespasian um die Gunst des allmächtigen Freigelassenen Narciffus und wurde zum Heere nach Deutschland und Großbritanien gesandt, wo er bedeutende Dienste leistete. Sein Sohn Titus wurde am Hofe erzogen und ein Mitschüler des kaiserlichen Prinzen Britannicus. Dieser wurde vergiftet, alle Creaturen des Narciffus erlitten schwere Verfolgungen, Bespasian mußte sich verbergen, und Titus, vierzehn Jahre alt, kehrte vom Glanze und der Ueppigkeit des Hofes unter das niedrige Dach seines väterlichen Hauses und zur Armuth zurück. Aber seine körperliche wie geistige Entwickelung ging rasch vorwärts, und vier Jahr später war er ein Mann von schöner Physiognomie und frühzeitiger Kraft, obgleich nicht groß. Er zeigte sich für die Civilwie für die Militairlaufbahn geschickt, vortrefflicher Reiter, wassenkundig, von erstaunlichem Gedächtniß, gewandt in griechischer und lateinischer Rede, in Prosa wie in Versen sich leicht ausdrückend, die Lyra gut spielend und angenehm singend. Besonders auf seine schöne Handschrift that er sich viel zugute, übte sich in der Nachahmung der Handschrift Anderer, und wiederholte später öfter selbstgefällig, daß er „ein sehr geschickter Fälscher geworden wäre." Nach dem Tode der Agrippina kam Bespasian wieder zu Gunsten, und wurde Äs Proconsul nach Afrika gesandt, welche Provinz er streng redlich verwaltete, so daß er arm zurückkehrte. Er lieh auf seine

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