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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-08 · Heft 10 (8.3.1870) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 10 (8.3.1870)
Date
1870-03-08
Page
Seite 197 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Iudcnthums. FemUeton-Leilage jit tlr. 10. Leipzig, den 8. März 1870. Titus, wie er war. Eine Zeit allmaligen Verfalles hinterlaßt der Geschichte viele Fälschungen und Jrrthümer, viele Räthsel und Fabeln. Denn die Gegenwart in solchen Epochen steht unter der Herrschaft der Gewalt und giebt daher den Personen und Ereignissen die von jener gewünschte Gestalt und Farbe; die folgende Periode hat die Kritik verloren und so pflanzen sich die überlieferten gefälschten Bilder bis zu den spätesten Zeiträumen fort. Wer weiß es nicht, daß dies besonders mit der ganzen Epoche während des Niedergangs des Alterthums der Fall ist? Mittelalter und neuere Zeit, während deren es keine historische Kritik gab, liegen dazwischen; die meisten Anknüpfungspunkte für eine solche sind verloren gegangen, und so vermag die wahre geschichtliche Forschung, die kaum ein Jahrhundert alt ist, nur mühsam sich Bahn zu brechen, hier Anklagen zu widerlegen, dort einen falschen Glorienschein zu zerstören; hier Erdichtungen in das Reich der Fabeln, wohin sie gehören, zu verweisen, dort die Wahrheit aus dem aufgehäuften Staube herauszuholen und von ihm zu reinigen. Niemand wird gegenwärtig über den wahren Charakter und Werth Ludwig des XIV. in Zweifel sein; aber viele der römischen Casaren werden für immer in dem Gewände erscheinen, in welches sie durch ihre Zeitgenoffen künstlich gekleidet worden. Darum ist aber auch jene Arbeit eine sehr schwierige; sie muß oft vergeblich sein, weil kein Scharfsinn fehlende Thatsachen zu ersetzen, widersprechende Berichte völlig auszugleichen vermag; oft aber wird sie auch zu weit gehen und, von einer vorausgefaßten An- und Absicht geleitet, mehr verwirren als aufklären. Hat man doch jüngst die sogenannten Rettungen so weit getrieben, aus Tiberius einen gerechten und fast nachsichtigen Herrscher machen zu wollen'. Eine zwiefache Sage geht über Titus durch die Geschichte. Die eine, in den Geschichtsbüchern vorherrschende, stellt diesen Cäsar und Imperator als den mildesten, humansten, menschenfreundlichsten Herrscher dar, den man mit dem Ehrennamen „Wonne des Menschengeschlechts" belegte, von dem man erzählt, daß er am Abend eines Tages, an welchem er keine Wohlthat geübt, weinend ausgerufen habe: „Ich habe einen Tag meines Lebens verloren!" und wirklich bietet seine, freilich nur zwei Jahre, drei Monate und zwanzig Tage umfaffende Regierung sehr viele Beweise einer unbegrenzten Freigebigkeit, einer seltenen Schonung seiner Feinde. Die andere Sage, vorzugsweise die jüdische, die sich hartnäckig durch alle Geschlechter der jüdischen Volksmaffe bis auf den heutigen Tag erhalten hat, stellt ihn als einen grausamen, tyrannischen, herrschbegierigen Menschen dar, und nennt ihn, im Gegensatz zu den römischen Höflingen, „Titus den Bösewicht" (ysnrr 212-2). Sie erzählt, wie er die jüdischen Heiligthümer nicht blos zerstören ließ, sondern auch verhöhnte, indem sie ihn z. B. den Altar mit einer Ruthe peitschen und diesen mit Vorwürfen und Schimpfreden überhäufen läßt (Ab. d’r. Nathan, c. 1.); sie erzählt, wie er für seine Frevelthaten bestraft wurde, z. B. durch eine riesenhafte Mücke, die ihm durch die Nase in das Gehirn drang, und ihn unter furchtbaren Schmerzen tödtete (Gittin 56, 2 u. oft». Man wird dies bezüglich der Juden entschuldbar finden, aber ihnen auch deßhalb keine Glaubwürdigkeit ertheilen. Daher stellten sich sogar neuere jüdische Schriftsteller aus die Seite der immer wiederholten Lobpreisungen des Flavischen Cäsars. Jndeß sprechen doch auch andere Zeugniffe für die Auffaffung, welche die jüdische Sage an die Hand giebt. Was Josephus über ihn schreibt, verdient wenig Glauben, da er im Palaste dieses seines Gönners selbst schrieb. Und doch kann Josephus nicht unterlaffen, uns von den furchtbaren Greueln zu berichten, welche Titus an den gefangenen Juden verübte. Daß Titus den Tempel erhalten wollte, und diesen nur die Fackel eines römischen Soldaten angezündet, verändert sich nach anderem Berichte in das Gegentheil, und der bestimmt gegebene Befehl des Titus ließ nicht bloß den Tempel, sondern auch unnöthiger Weise die ganze Stadt der vollständigen Zerstörung übergeben. Selbst das furchtbarste Verbrechen, die Vergiftung seines Vaters, wird dem Titus zugeschrieben, und wenn dieser Beschuldigung weniger Glaubwürdigkeit beiwohnt, so beweist sie doch, daß Titus schon frühzeitig auch in einem ganz anderen Lichte erschien, als man mit Vorliebe um ihn gebreitet hat.

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