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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-03-01 · Heft 9 (1.3.1870) · p. Seite 179

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 9 (1.3.1870)
Date
1870-03-01
Page
Seite 179 (sequence 19)
Language
German
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179 * P Lord Mettlen. Vor Kurzem starb Lord Mettlen, und theilen wir hier, nach dem „Jewish Record“, Folgendes aus seinem Leben mit: Seit dem Jahre 1920 befand sich Lord Mettlen an der Spitze der Regierung der jonischen Inseln. Unter der toleranten Verwaltung dieses edlen Lordcommiffarius von Großbritannien begann für die israelitischen Bewohner von Korfu eine Aera der Gleichstellung. Zwei Thatfachen aus dem Leben dieses Gouverneurs beweisen, wie sehr er seine Pflicht begriff, die israelitischen Unterthanen gegen den Fanatismus der unwiffenden Bevölkerung zu schützen. In Korfu herrschte die Sitte, in der Osternacht eine Prvcefsion durch die Straßen vorzunehmen. Der Zug ging von der größten Kirche dieser Stadt, der Heiligen- Geistes-Kirche, aus und schloß gewöhnlich seinen Gang mit einem Ausfall nach der Judenstraße; waren die Juden abwesend, wurde eine Demonstration gegen ihre Hauser verübt. Man demolirte die Thüren, zerbrach mit Steinwürsen die Fenster, und wehe den armen Israeliten, welche gewagt hätten, sich auf den Straßen zu zeigen! Sie konnten sich glücklich preisen, wenn sie mit einigen tüchtigen Püffen davonkamen. Lord Mettlen kam auf der Insel an; seine Gegenwart konnte indeß die Bevölkerung nicht sofort von den üblichen Tumulten zurückhalten. Am folgenden Morgen erschien der israelitische Vorstand bei dem Lordcommi^arius, der sie sehr wohlwollend empfing, um Klage zu führen; er bemerkte ihnen aber, daß für das gegenwärtige Jahr nichts mehr zu machen sei, da die Schuldigen nicht leicht mehr gefunden werden könnten, und dies aus zwei Gründen: Die Procession fand in der Nacht statt und der Zulauf war zu groß, als daß man wiffen könne, wer daran Theil genommen. „Kommen Sie jedoch im nächsten Jahre, fügte er hinzu, ungefähr eine Woche vor Ostern, und ich werde Sie beschützen." Obgleich die Vorsteher es im nächsten Jahre versäumten, an das ihnen gemachte Versprechen zu erinnern, so hatte doch der Gouverneur nicht vergeffen daran zu denken. Er lud die „Parnassim" zu sich und warf ihnen diese Versäumniß vor; sie entschuldigten sich damit, daß sie seiner väterlichen Fürsorge vertrauten und daß sie nicht geglaubt, ihn wieder um seine Unterstützung angehen zu dürfen. „Gut, sagte der Lord, Ihr Vertrauen wird gerechtfertigt werden." Kaum waren sie fort, als er dem Erzbischof den Befehl schickte, ihm die Schlüffel von der Kirche zum heiligen Geiste auszuliefern; der Erzbischof brachte sie ihm sofort. „Gut, sagte Mettlen, Sie können jetzt wieder nach Hause gehen und in vierzehn Tagen ungefähr können Sie Ihre Schlüffel wiederholen." — „Wie, erwiderte der Priester, wiffen Sie nicht, daß von dieser Kirche unsere Procession ausgebt?" — „Gerade aus diesem Grunde wünsche ich diese Kirche geschloffen zu sehen, um den Beleidigungen zuvorzukommen, die jährlich gegen die Juden verübt werden." Nach einer langen Verhandlung wurden die Schlüffel zurückgegeben; aber der Erzbischof mußte ein Document unterzeichnen, durch das er die ganze Verantwortlichkeit auf sich nahm, im Falle die Ordnung gestört werde. Wirklich fand die Procession in der größten Ruhe statt; denn der Erzbischof und seine Vicare verließen beim geringsten Zeichen der Unordnung ihren Platz. Von nun an wurden die Processionen nur noch am Tage gestattet und die Juden wurden nie wieder beschimpft. Der zweite Zug aus feiner edlen Thatigkeit ist nicht minder charakteristisch. Der Gouverneur befand sich in Zante und machte einen Ritt durch die Stadt; er sah einen Zusammenlauf, ritt auf die Menge zu und fragte nach der Ursache. Man antwottete ihm, daß es Sitte auf der Insel sei, an diesem Tage einen Juden in effigie zu verbrennen. Das ist ein großer Jubel und ein Gegenstand der Freude. Mettlen schwieg; aber er begab sich eiligst in daS Gouvernementspalais und gab einigen englischen Officieren Befehl, sich zu ihm zu begeben. „Meine Herren, sagte er zu ihnen, haben Sie die Freundlichkeit mir sofort einen Strohmann anzufertigen, der einen griechischen Priester darstellt." Dies geschah; schnell hatte man ein Männchen hergestellt, ihn in ein Priestergewand gekleidet, mit einer Tiara und einem langen Barte versehen. Er gab alsdann Befehl, ihn auf den Marktplatz zu bringen und dort ihn anzuzünden. Als die Menge dies sah, schickte sie eine Deputation an den Gouverneur, um ihn von dem zu benachrichtigen, was mehrere seiner Officiere gethan. „Ich weiß es, sagte er; aber ich kann nichts dabei thun; es ist bei uns Sitte, jedes Jahr einen griechischen Priester in effigie zu verbrennen." Sie baten ihn und sprachen gegen diesen Gebrauch; aber er bestand auf dieser einmal bestehenden Sitte und versprach schließlich, seinen Officieren Befehl zu geben, es nicht wieder zu thun, wenn in Zukunst die Bewohner von Zante ihrerseits auch das Verbrennen eines Juden in effigie unterließen. Was konnten sie thun? Schon hatte man die Fackel angezündet, welche das Bild ihres verehrten Priesters in Branv bringen sollte; sie waren sehr glücklich. Gehör zu finden, indem sie aus die Bedingung eingingen, künftig ihre gewöhnliche Ceremonie zu unterdrücken. Bei seinem Tode hielten die Israeliten der jonischen Inseln Trauerreden wie für einen Bruder; und während seines Begräbniffes war die Thür der Synagoge mit der Inschrift geschmückt: „Wir sind Waisen, die ihren Vater verloren haben."

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