Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1870)
- Date
- 1870-03-01
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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170 Orthodoxen bereits seit vielen Jahrzehenden ihre Privatsynagogen und Privatgottesdienste haben. Das Bor- 1 gehen der Letzteren ist eben deshalb um so tadelnswerther, weil auch bei Einführung eines neuen zeitgemäßen Gottesdienstes dieselben in ihren Privatsynagogen ihren Gottesdienst ungestört in der alten herkömmlichen Form hätten halten können, und so in ihren religiösen Anschauungen und Uebungen in keinerlei Weise beeinträchtigt worden wären. „ Das Geldopfer aber, das sie durch weitere Beiträge an die Gesammtgemeinde hatten bringen muffen, kann gewiß nicht einen Schritt rechtfertigen, der für sämmtliche isr. Gemeinden des Landes von so unheilvollen Folgen ist und in manchen sogar das Fortbestehen derselben in Frage stellen dürfte. Bemerken muß ich noch, daß von der Kanzel aus nicht versäumt wurde, wiederholt zum Frieden und zur Versöhnung zu ermahnen und auf die traurige Tragweite des beabsichtigten Schrittes eines Ausscheidens aus der Gemeinde in eindringlichen und abmahnenden Worten hinzuweisen. Allein Sie wiffen, daß dem blinden Glaubenseifer gegenüber jedes noch so wohlgemeinte belehrende und mahnende Wort erfolglos verhallt, wenn es nicht noch erbitternd und aufreizend wirkt. Soviel für heute über die seitherige Entwicklung des traurigen Dramas und werde ich Ihnen über dessen weitere Entwickelung von Zeit zu Zeit Bericht erstatten. Ich kann am Schluffe meines heutigen Berichtes nur wehklagend mit den Worten des Propheten rufen: y272 yo-ir:« Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 17. Febr. (Privatmitth.) Nach der Behauptung des Branddirectors Scabell ist das Feuer in der neuen Synagoge nicht aus der Heizung entstanden, sondern von ruchloser Hand unter den Bänken angelegt worden!! Der Schaden beträgt 8000 Thlr., ist aber durch die Versicherungen gedeckt. Der Gottesdienst hat keinen Stillstand erlitten. Breslau, 18. Febr. (Privatmitth.) Endlich hat der Justizminister Leonhardt sein dem Abg. vr. Kosch in der letzten Kammersession gegebenes Wort eingelöst, indem er nunmehr auch thatsächlich den Gerichtsassessoren jüdischen Glaubens die ihnen bisher in Widerspruch mit Verfassung und Gesetz verschlossene Richter-Laufbahn eröffnet hat. Vor einigen Tagen ist nämlich der Gerichtsassessor Jeremias Mai aus Rosenberg O/S., ein Bruder des von 1848 her bekannten „Rothen Mai", zum Kreisrichter bei dem Kreisgericht in Beuchen, mit der Function als Commissarius bei der Gerichtscommission in Myslowitz ernannt worden. - Mai hat erst im letzten Sommer die große juristtsche Prüfung bestanden und ist jetzt als der erste jüdische Kreisrichter im Bezirke desjenigen Appellationsgerichts angestellt, dessen Präsident ihm noch vor einigen Jahren sein Bedauern über die aussichtslose Carriere, die er ergriffen, ausgesprochen hat. Die Macht der Ideen ist einmal stärker als der Wille einzelner Personen (-,72« m-o brs). Hoffen wir, daß mit Mai der lang ersehnte Frühling für die jüdischen Juristen Preußens gekommen ist und daß auch die beim Breslauer Stadtgericht seit einem Jahrzehnt unbesoldet und mit beschränktem Stimmrecht beschäftigten jüdischen Assessoren, bisher trotz ihrer hohen Anciennität bei Dacanzen stets übergangen, nun endlich einmal zum Lohn ihres langen Ausharrens zu Richtern befördert werden würden. — Der Gerichtsassessor Levy ist nicht, wie in einer der letzten Nummer dieser Zeitung berichtet wird, nach Schrimm, sondern als besoldeter Hilfsrichter an das neu errichtete Hypothekenamt in Grimmen bei Greifswald berufen worden. — In dieser Woche verstarb Hierselbst die Mutter Ferdinand Lassalle's, die verw. Frau Rosalie Lassal, in ihrem 74. Lebensjahre. Sie soll zum Andenken an chren Sohn 10,000 Thlr. für Arbeiterzwecke und außerdem Legate für die hiesige Universität und ftomme Stiftungen vermacht haben. Oesterreichischungarische Monarchie. Von der Donau, 21. Jan.*) (Privatmitth.) Die „Allgem. Ztg. d. Judenth." hat in der ersten Nummer dieses Jahrgangs unter der Ueberschrift „Drei Cultusminister" die ungarisch-jüdische Congreßangelegenheit und das Wirken unseres Cultusministers Eötvös mit jener objectiven Ruhe und Unparteilichkeit besprochen, welche sie kennzeichnet. Aber eben im Interesse dieser *) Fernere Mittheilungen des gesch. Corresp. werden uns willkommen sein. Redatt.