Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1870)
- Date
- 1870-03-01
- Page
- Seite 171 (sequence 11)
- Language
- German
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171 Objektivität und Unparteilichkeit müssen einige im genannten Aufsatze enthaltene Angaben Ihres geschätzten Correspondenten berichtigt, oder besser gesagt, genauer erklärt werden. So sehr dieselben nämlich, was die Thatsachen betrifft, der Wahrheit entsprechen; so wenig berechtigt sind die aus ihnen gezogenen Consequenzen. Man muß eben die hiesigen Verhältnisse, besonders aber die politischen näher kennen und in Anschlag bringen; die gemachten Angaben erscheinen sodann in einem ganz andern Lichte. Eötvös soll zunächst die „eigene Marotte haben sich fortwährend mit jüdischen Angelegenheiten zu thun zu machen." Es ist wahr, der ungar. Cultusminister hat sich mit jüdischen Angelegenheiten schon sehr viel „zu thun gemacht." Er hat seine schriftstellerische und politische Laufbahn bekanntlich damit inaugurirt, daß er schon vor 30 Jahren für die Rechte der Juden mit Schrift und Wort eingetreten ist, wofür ihn seine Collegen im Oberhause damals init dem Spottnamen der „Judenbaron" zu beehren pflegten. Diesen Bestrebungen ist er bis zum heutigen Tage treu geblieben, fiir diese Idee hat er, trotz vielfacher Verkennung, fortwährend gekämpft. In demselben judenfreundlichen Sinne ist auch die Einberufung des Congresses geschehen. Es war dies nicht ein einseitiges „mit jüdischen Angelegenheiten sich zu thun machen"; sondern eine Folge des praktisch durchgeführten Grundsatzes: jede Confession solle ihre inneren Angelegenheiten autonom verwalten, dem um dieselbe Zeit, neben dem jüdischen, auch der Katholiken- und Scrben-Congreß seine Einberufung verdankte. Eötvös hat also für die Juden nur das gethan, was er für die andern Confessionen that und als constitutioneller Minister, der weder Kirchenräthe ernennen noch decretiren konnte, auch thun mußte. Jeder andere Cultusminister, der sich für jüdische Angelegenheiten weniger interessirte, hätte diese einzig mögliche Lösung der obschwebenden Frage aus Gleichgiltigkeit vielleicht hinausgeschoben, schließlich aber doch anbahnen müssen. Eötvös hat durch die Einberufung des jüdischen Congresses die ungarische Judenheit nur als eine, den andern gleichberechtigte, autonome Confession anerkannt, was ein offenbarer Fortschritt war. Ob Eötvös's ganzes Wirken in jüdischen Angelegenheiten von diesem Gesichtspunkte aus als „Marotte" bezeichnet zu werden verdient, glauben wir kaum. Daß seit dem Congresse die Streitigkeiten in den Gemeinden eher zuals abzenommen haben, ist eine Thatsache, die übrigens bei jeder Uebergangsperiode — und in einer solchen befinden wir uns hier — natürlich ist. Daß aber Eötvös durch den Congreß „den Erisapfel in die Gemeinden geworfen", ist darum doch nicht richtig; denn po8t lloe ist bekanntlich noch nicht propter hoc. Innerhalb der ungarischen Judenheit war vielmehr schon längst vor dem Congresse ein heftiger Streit entbrannt. Die beabsichtigte Errichtung einer Rabbinerschule, welche schon das absolutistische Regime seit dem I. 1856 zu wiederholten malen angeregt hatte, hat eben so oft einen Sturm im ultraorthodoxen Lager hervorgerufen, von wo aus Sendboten durchs ganze Land geschickt wurden zu schüren und zu fanatisiren, und mehr als einmal auch Deputationen „rechtgläubiger" Rabbiner bis zu den Stufen des Thrones. Unsere sogenannten Orthodoxen, mit denen verglichen die Ihrigen Muster von Toleranz und wahre Apostel der Aufklärung sind, waren Angesichts der immer vorwärts schreitenden Cultur, die sie selbst in ihren Stammsitzen im Nordosten des Landes zu bedrohen anfing, schon v o r I a h r e n, mit der dem Fanatismus eigenen Vehemenz, aggressiv aufgetreten. Rabbinen dieser Richtung hatten sich schon vor dem Congresse zu wiederholten malen in einer Anzahl von 00 bis über 200 versammelt und Beschlüsse gefaßt, welche die moderne Zeit mit allen ihren Bestreb - ungen auf das rücksichtsloseste verdammten. Wir erinnern nur an den vom Jahre 1862 datirenden „Psakbeth-din" von Ragy-Mihüly, der unter Andern bekanntlich den Jargon ausdrücklich zur jüdischen Nario nalsprache erhob, ein correctcs Deutsch oder Ungarisch als irreligiös verpönte und eine Synagoge, wo die „Bimah" nicht in der Mitte steht, oder mit Chor gebetet wird, für einen Götzentempel erklärte. In Folge dieser und ähnlicher Beschlüsse, die als „Cherem" verkündet wurden, war der Frieden vieler Gemeinden längst zerrüttet, waren zahllose Gemeindebeamte längst brodlos geworden und nicht wenige Schulen eingegangen. Der Congreß war eher eine Folge als die Ursache dieses Streites, der jetzt zum Sturm geworden, hoffentlich die schwüle Lust reinigen und durch Bloßlegung der vorhandenen Schäden die Verhältnisse klären wird. Daß die im Sinne der Congreßstatuten vorzunehmcnden Districtswahlen vieler Orten auf Widerstand stoßen, ist ebenfalls Thatsache. Zurückgewiesen und verweigert haben sie aber nur von den „Schomre-ha-dath" 9*