Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1870)
- Date
- 1870-03-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 2.' Die Institution. Die hohe Bedeutung, welche das Gebot der Beschneidung im Judenthum von jeher gehabt, ist durch die heilige Schrift, die Tradition und die Geschichte bestätigt; feine Heiligkeit ist so alt wie Israels Stamm, vier Jahrtausende. Mit dem Bekenntniß des einzigen Gottes standen, als Zeugen des Judenthums, Sabbat und Beschneidung in gleichem Range (Lleebilta, Jitro c. 2) und galten unter den Nichtjudcn als jüdische Sacramente iBaotantius, divin. inst. 4, 17). Wenn Fanatismus und Tyrannei gegen die Juden wütheten, wurde die Beschneidung verboten: Epiphanes, Hadrian und Sisebut*) setzten Todesstrafe darauf, — die Juden trotzten dem Tode. Die Edelsten Israels, z. B. Philo und Maimonides, hielten sie nicht blos für eine leibliche und geistige Schutzwehr gegen sinnliche Ausschweifungen; erkannten in ihr vielmehr einerseits das auf die göttlichen Verheißungen, also auf die Zukunft der Israeliten, hinweisende Bundeszcichen, anderseits ein bleibendes Siegel, die Gemeinschaft der Glaubensgenoffen zu beurkunden. Sie ist mithin ein Unterpfand der Liebe, und zwar ein zwiefaches: der göttlichen Liebe, die von der Urzeit her Zeitliches überdauert, und der Liebe der Israeliten untereinander isiehe Kusri 3, 7. More 3, 49): daher zählt Maimonides das Gebot der Beschneidung nebst dem Bekenntniß des einzigen Gottes, dem Gebet, Tefillin u. s. w. zu der Claffe von Gesetzen, die er „Liebe" (natts; überschrieben hat. Das Bundeszeichen, als ein haftendes und universales, bezeugt die Erhaltung, also auch die Erlösung (lübaiim 4, 45); und weil es allein das sichtbare und bleibende ist, so ist das Unterlasten der Beschneidung bei Strafe der Ausrottung (m=>) verpönt, welches bei keinem andern affirmativen Gesetze, das den israelitischen Staat überdauert, der Fall ist (Aben Esra in Jesod mora. c. 3). Und früher als die Denker hat die Beschneidungsfeier die Dichter begeistert; in den alten Synagogalpoesien ist das Symbol deS Blutes von den Bildern der Leiden umringt, die Israel um des Glaubens willen getragen und noch trägt, und die Empfindungen, die sie in der Seele zurückgelassen, sind erhebender als der Eindruck moderner Einladungskarten, auf welchen die Beschneidung in ein Frühstück übersetzt wird. Moses Mendelssohn hatte von einem Auftreten ge¬ *) 1 Maccab. 1. Meehilta zum Dekalog, 2 Gebot. Schebet Jehuda No. 9. gen den Bund am Fleische, auS der Mitte deS Judenthums, noch keine Ahnung. Als ein Recensent in den Göttingschen Anzeigen das Problem stellte, was zu thun, wenn einem jüdischen Beamten, der die Beschneidungen verrichtet, Bedenklichkeiten über dieses Gesetz beikommen, bediente der Verfaffer des Jerusalem (S. 92) in seiner Beantwortung sich folgender Worte: „Ich will die Möglichkeit deS Falls zugeben, der sich hoffentlich nie zutragen wird." Wenn heute Beispiele Vorkommen, daß die Beschneidung geringschätzig behandelt wird, so darf es uns schon weniger auffallen. Man hatte den Ceremonialgesetzen einen geringen positiven Werth beigelegt, aus der Erziehung, dem Unterrichte und dem Leben das Jüdische ziemlich beseitigt, dafür aber in manchem Lehrbuche schon den Kindern die Pflicht des Abschaffens eingeprägt. Fast alle Ceremonialgesetze sind in ihrer Form und in den lebendigen Ideen, die sie begleiten, ein Ergebniß der Geschichte, und das große Fundament dieses, uns mit der heiligen Schrift verbindenden, historischen Baues heißt Talmud. Allein der Talmud, lehrte man die Jugend, ist nicht heilig, ist kein Gesetzbuch, keine Volksschrift, kein Unterrichtsmittel; der Nutzen, den ein Theil deffelben für den Gelehrten hat, beschränkt sich auf einen solchen, wie ihn die Kirchenväter haben, wobei nicht außer Acht zu laffen, wie sehr heut zu Tage die Umstände verändert sind. Einen weiten Abstand bildete folglich die Geltung der Vernunftgesetze; sie wurden eins mit Wissen, Ethik und Moral, waren natürlich auch außerhalb des Judenthums, an das sie nur ein schwacher Faden knüpfte, und zwar dort im eigentlichen Glanze zu schauen. So wurden denn einander gegenübergestellt: A) Zeremonien, d. i. das isolirte und verachtete Jüdische, mit seinen Geschichten und seinen Denkmälern; B) Sittenlehren, an Macht und an eine Fülle des Lebens anschlagend, nur nicht von einem Interesse für das Judenthum beseelt. In der Gegenwart wie in der Geschichte angegriffen', mußte letzteres vielmehr sich gefallen laffen, daß innere und äußere Widersacher seine religiösen Vorschriften in Vergängliches und Bleibendes theilten, d. h. in Unhaltbares, was wegfallen muß, und ein Leidliches, was bleiben mag. Mußte nun nicht die Negirung des Jüdischen zuerst Hand an die Bundessymbole legen? Es ist aber die Beschneidung, wie der Sabbat, eine Institution, keine bloße Ceremonie; nicht das Beschneiden, welches man Ceremonie nennen mag, sondern das vom achten Tage an Beschnittensein ist der Kern