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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-22 · Heft 8 (22.2.1870) · p. Seite 160

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 8 (22.2.1870)
Date
1870-02-22
Page
Seite 160 (sequence 20)
Language
German
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160 Der angegebene Zeitraum war denn auch die Blüthezeit der Pseudoepigraphik, d. h. jener Versuche, unter dein Namen älterer und mythischer Dichter und Personen neue Products der Lcsewelt in die Hand zu geben, eine Fälschung, die von Heiden, Juden und Christen geübt ward, und die man als eine solche nicht ansah, so lange nicht persönliche und eigennützige Zwecke damit verfolgt wurden, was späterhin allerdings und in großem Maßstabe geschah — man denke nur an die falschen Decretalien — sondern die man als eine erlaubte Dichtung, als ein Mittel betrachtete, um den Wahrheiten, die man der Welt übergeben wollte, leichteren Eingang und größere Autorität zu verschaffen. (Fortsetzung folgt.) Vermischtes. Während des 14. u. 15. Jahrhunderts waren besonders in Italien die Humanisten, d. h. diejenigen, welche sich mit der lateinischen und griechischen Literatur und mit Abfaffung von Schriften in lateinischer Sprache beschäftigten, die geachtetste Klaffe der Gelehrten, die mit Ehren und Gütern von den Fürsten und Städten überschüttet wurden. Mit dem 16. Jahrhundert wandelte sich dies plötzlich in das gerade Gegentheil; sie versanken in Mißcredit, Mißachtung, Armuth, ja Verfolgung. Der Ursachen dieses Umschwungs sind mehrere. Ueber eine derselben schreibt Jacob Burckhardt in seinem schon angeführten Werke S. 268 folgendermaßen: „Urheber jener Anklagen sind durchaus die Humanisten selbst. Von Allen, die jemals einen Stand gebildet, haben sie am allerwenigsten ein Gefühl des Zusammenhaltes gehabt, oder, wo es sich aufraffen wollte, respectirt. Sobald sie dann anfingen, sich Einer über den Andern zu erheben, war ihnen jedes Mittel gleichgültig. Blitzschnell gehen sie von wissenschaftlichen Gründen zur Jnvective und zur bodenlosen Lästerung über; sie wollen ihren Gegner nicht widerlegen, sondern in jeder Beziehung vernichten. Etwas hiervon kommt auf Rechnung ihrer Umgebung und Stellung; wir sahen, wie heftig das Zeitalter, deffen lauteste Organe sie waren, von den Wogen des Ruhmes und des Hohnes hin und her geworfen wurde. Auch war ihre Lage im wirklichen Leben meist eine solche, daß sie sich beständig ihrer Existenz wehren mußten. In solchen Stimmungen schrieben und perorirten sie und schilderten einander." Wir haben dieses Bild hier wiedergegeben, weil es leider allzuviel Aehnlichkeit mit den jetzigen jüdischen Theologen und Literaten hat. Mögen sie sich von dem Schicksal jener Humanisten warnen lasten! Es wird wohl nicht unangemessen sein, folgendes Urtheil I. I. Rousseaus aus seiner jetzt wenig mehr gelesenen Schrift ..Onsiderations sur le gouvernemeut de Polognc“ i April 1772) anzuführen, das mehr Borurtheilslosigkeit erweist, als Voltaire der Bibel gegenüber besaß. Er hatte darüber gesprochen, daß jede Berfaffung dem Charakter einer Station und ihrem Bildungsgänge entsprechen müßte. Da sagt er: „Betrachte ich die modernen Nationen, so gewahre ich eine Menge Gesetzmacher und keinen Gesetzgeber. Bei den Alten gewahre ich drei der letzten Art, die vor Allen eine besondere Aufmerksamkeit verdienen, Moses, Lykurg und Nnma. Alle drei haben ihre Hauptsorge Dingen zugewandt, die unsren Schulmeistern des Spottes werth zu sein scheinen würden. Alle drei haben Erfolge gehabt, welche man für unmöglich erklären würde, wären sie weniger gut beglaubigt. Der Erste bildete und führte das erstaunliche Unternehmen aus, einen Schwarm von unglücklichen Flüchtlingen zu einem Volkskörper zu gestalten, von Flüchtlingen ohne Waffen, ohne Künste, ohne Talente, ohne Tugenden, ohne Muth, und die, nicht im Besitz von auch nur einem Zoll Terrain, eine fremde Schaar auf der Oberstäche der Erde bildeten. Moses wagte - aus dieser irrenden und knechtischen Schaar einen politischen Körper, ein freies Volk zu bilden; und während sie in den Wüsten irrte ohne einen Stein zu haben, ihr Haupt darauf auszuruhen, gab er ihr jene Berfaffung, welche die Probe der Zeit, des Geschickes und der Eroberer überdauert, die fünftausend Jahre nicht haben zerstören, ja nicht einmal verändern können, und die noch heute in ihrer ganzen Kraft fortbesteht, selbst da der nationale Körper nicht mehr besteht. Um zu verhindern, daß sein Volk sich unter die fremden Völker verlor, gab er ihnen Sitten und Gebräuche, unvereinbar mit denen anderer Völker; er überlud es mit eigenthümlichen Gebräuchen und Ceremonien; er beschränkte es in tausendfacher Weise, um es unaufhörlich in Athem zu erhalten und es immer ftemd unter den übrigen Menschen zu machen, und alle die Bande der Brüderlichkeit, welche er zwischen die Mitglieder seiner Republrk setzte, waren ebensoviel Schranken, welche es von seinen Nachbarn getrennt hielten unv es hinderten, sich mit ihnen zu vermischen. Hierdurch hat sich dieses eigenthümliche Bolk, so oft geknechtet, so oft zerstreut und anscheinend vernichtet, aber immer feinem Gesetze treu ergeben, doch bis auf unsere Tage erhalten, zerstreut unter den anderen, ohne sich mit ihnen zu verbinden, hierdurch bestehen seine Sitten, seine Gesetze, seine Riten fort, und werden dauern so lange wie die Welt selbst, trotz des Hasses und der Verfolgung von Seiten des übrigen Menschengeschlechts." Verlag von Baumgartners Buchbandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirfchfeld. Verantwortlicher Redakteur Dp. H. Lotze.

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