Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1870)
- Date
- 1870-02-22
- Page
- Seite 159 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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159 * Ausgabe; hier hatte er auseinanderges.'tzt, daß der 140. Vers lautet: „Fallt deines Feindes Lastthier aus dem Wege, so hilf es aufrichten." Dies fei aus 5 Mos. 22, 4 entnommen, wo es heißt: „deines Bruders Esels oder Ochs." Diese Ausdehnung vom Bruder auf den Feind sei eine Frucht der christlichen Lehre von der Feindesliebe, folglich fei der Verfasser ein Christ gewesen. Nun heißt es aber 2. B. Mos. 23, 5: „Wenn du deines Feindes Esel darniedergestreckt siehst u. s. w.", so daß der ganze Schluß Scaliger's nur aus dem Mangel genügender Bibelkenntniß gefloffen. Dies konnte nicht lange verborgen bleiben, und deshalb wurde dieser Beweis für die Christlichkeit des Bersasiers in der zweiten Ausgabe der Abhandlung, die nach Scaliger's Tode erschien, gestrichen, aber die Behauptung ließ man stehen. Unterdeß verschwand das Mahngedicht aus den Schulkreisen. Man gab jetzt der Jugend die wirklichen Klassiker in die Hand und Niemand bekümmerte sich mehr um das Gedicht des vermeintlichen Phokylides. Erst Professor Jacob Bernays unterwarf 1856 „das Phokylideische Gedicht" (Berlin, bei Hertz! einer kritischen Untersuchung und folgen wir hier seiner verdienstvollen Arbeit. Bernays zieht zuerst die Stellung in Betracht, welche das Gedicht in Bezug auf das Heidenthum einnimmt. Es ist hier aber vollständig offenbar, daß das Gedicht durchgehends vom Alten Testamente abhängig ist. So überwiegend nun die Anzahl von Stellen ist, in denen ausdrücklich von „Einem Gott" geredet oder der Glaube an denselben stillschweigend vorausgesetzt wird, so sind dock einige wenige Stellen vorhanden, an welchen von Göttern in der Mehrzahl die Rede ist. Diese müssen nun einer genaueren Prüfung unterzogen werden, und da zeigt es sich, daß die beiden Stellen <V.!>8 u. 104), wo Die l/ioi Vorkommen, so corrumpirt sind, daß sie gar kernen erträglichen Sinn geben, und daß dagegen das Berständniß völlig klar und unzweifelhaft wird, wenn an der ersten Stelle statt &eotrn gelesen wird yooiot, an der zweiten statt S-toi — vtot. Der Leser möge das Schriftchen Bernays' selbst Nachlesen, um zu erkennen, daß diese Conjecturen vollständig gelungen sind. Wenn ferner an einigen Stellen von den „Uraniden" und „Seligen" die Rede ist, so ergiebt sich aus dem Zusammenhänge, daß der Dichter nicht die olympischen Götter darunter versteht, sondern die Weltkörper, die in ewiger Ordnung ihre Bahn gehen. Es ist hier also durch eine feine Abänderung den heidnischen Bezeichnungen ein ganz anderer, nicht antibiblischer Sinn gegeben. Demnächst erweisen sich selbst die wenigen Stellen des Gedichtes, die heidnisch erscheinen konnten, als dieses Gepräges völlig entbehrend. Die zweite Frage ist, ob der Verfasser sich als Christ bekundet. Aber auch dieses muß unumwunden verneint werden.^ In dem ganzen Gedicht sindet sich keine einzige, die Prüfung aushaltende Beziehung ans das Neue Testament; nirgends ist eigenthümlich christliche Redeweise zu entdecken; vergebens wird man nach christlichen Einflüssen auf die Moral forschen; und ebenso vergeblich ist das Suchen nach Spuren irgend eines der concreten christologischen Lehrstücke, wie sie in den Zeiten vor Fixirung der christlichen Urkunden weit mehr noch als die Moral von Freund und Feind gepredigt oder angegriffen wurden. Die einzige Ausnahme macht B. l 29 , wo mitten in einen Abschnttt, der in strengem Zusammenhänge das göttliche Geschenk der Sprache und der Vernunft gegenüber der Ausstattung der übrigen lebendigen Geschöpfe feiert, der Vers eingeschoben wird: „Der Logos der inspirirten Weisheit ist der beste." Es ist offenbar, daß dieser Vers das E.nschiebsel eines byzantinischen Lesers ist, der sich darüber ärgerte, daß auch der Bauer und der Matrose Logos haben sollen. Positiv gestaltet sich nun das Verständniß, wenn man, das ganze Gedicht im Einzelnen durchgehend, überall den Anschluß an das Alte Testament, besonders an den Pentateuch , hier und da auch an die Psalmen und die Sprüche, gewahrt und feststellt. Der Dichter begann mit einigen der Zehn-Worte, schreibt dann die Hauptstellen von 3 Mos. 19 aus, entlehnt dann Stellen aus dem 2. und 5. B. Mosis u. s. f., und schiebt diesen vou Zeit zu Zeit eigene Aussprüche ein. Die bestimmte Stellung des Dichters zum Alten Testamente ist daher unzweifelhaft, charakterisirt sich aber noch specieller. Alle seine Aussprüche und Vorschriften haben die allgemeine Ethik des Privat- und des öffentlichen Lebens zum Inhalt; selbst an rituelle Gesetze streifende Vorschriften gebraucht er nur dann, wenn sie für die allgemeinen Kreise eine angemessene Bedeutung haben, oder er weiß ihnen eine Wendung zu geben, welche den specisischen Charakter abschwächt. Alles dagegen, was einen jüdischnationalen oder jüdisch-historischen Charakter trägt, vermeidet er sorgfältig, und ebenso, was die heidnische Welt verletzen könnte, nämlich jeden Angriff auf die Vielgötterei und den Götzendienst. Dies im Einzelnen nachzuweisen, wie es Bernays mit Umsicht und Sacbkennlniß thut, fft für uns nicht nothwendig, da wir eine Uebersetzung des ganzen Stückes zu geben versuchen werden. 'Nur den einen Umstand wollen wir noch hervorheben, daß der Dichter an einigen Stellen der traditionellen Auslegung der mosaischen Vorschriften folgt. Es kann hiernach nicht mehr irgend einem Zweifel unterworfen sein, daß der Verfasser dieses Mahngedichtes ein Jude war. Die Abfaffungszeit ergiebt sich ganz wie bei Ezechiel und Philo aus der Abfassungszeit der Septuaginta, während bei unserem Dichter jener i<*rmin„s;ul ipu'i»». nämlich das Citat des Alexander Polyhistor fehlt. Während daher die Mitte des zweiten Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung die früheste Zeit der Entstehung des Gedichtes sein kann, wird das Geschick, welches die Juden mit der zweiten Zerstörung Jerusalems traf, als die späteste Grenze erkennbar. Aeußere und innere Gründe sprechen dafür, daß der Euistehungsort auch dieses Gedichtes Alexandrien war. r