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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-22 · Heft 8 (22.2.1870) · p. Seite 143

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 8 (22.2.1870)
Date
1870-02-22
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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143 kann aber keine andere sei», als daß der ganze Inhalt des Judenthums wissenschaftlich durchgearbeitet, zum Wesen und zur Form einer Wissenschaft erhoben werde. Eine Geschichte, eine mehrtauseudjLhrige Geschichte hatte das Judenthum gehabt; sie lag in den Geschehnissen und Thaten, in den Schöpfungen, Denkmälern und Trümmern da; aber diese Geschichte war noch nicht erkannt, nicht dargestelkt, nicht als solche begriffen und geformt. Diese nach allen ihren Zweigen bis zur Höhe urssrer Zeit und ihrer Erkenntniß zu bringen, bildet die eine und bedeutendste Aufgabe. Der große Gedankenstoff und die Fülle der Erscheinungen im gesammten Judenthume muß systematisch gefaßt und geordnet, in Disciplinen gebracht und jede derselben speciell durchforscht und durchgearbeitet werden. Dies ist die zweite Aufgabe. Das BerhAtniß des Judenthums nach allen Seiten hin zu den großen geschichtlichen Erscheinungen, Schöpfungen und Ergebnissen, zur Wissenschaft des Denkens und des Wissens, zur Philosophie und Naturwissenschaft, zu den Religionen und den Entwickelungen der Gesellschaft muß ergründet und objectivirt werden, die dritte Aufgabe. Dies Alkes zusammen macht die Wissenschaft des Judenthums aus. Sie stammt von innen, aus dem sich selbst gebärenden und vorwärts drängenden Triebe des Geistes; sie ist unentbehrlich zur Beftiedigung des jüdischen Bewußtseins in der Gesammtheit wie in den Einzelnen; sie ist aber auch nothwendig, die Stellung des Judenthums inmitten der menschengeschlechtlichen Geisteswelt zu sichern, zu erobern und zu vertheidigen. Wo aber soll diese Wissenschaft des Judenthums, dieft neue große Phase des Judenthums, die für seine Bekenner, wie für die gesammte Menschheit von unermeßbarer Bedeutung ist, wo soll sie geschaffen, fortgeführt und gelehrt werden? Zunächst zwar in der Literatur, und hierzu ist bereits ein tüchtiger Grund gelegt. Aber das Schriftthum ist immer nur die Ausstrahlung vereinzelter Geister, an Persönlichkeiten und Umstände gebunden. Ein Brenn- und Mittelpunkt, ein lebendiges Aufeinanderwirken, von Lehrern untereinander, und zwischen Lehrern und Jüngern, ist unentbehrlich zu einer gesunden, energischen, lebenskräftigen Entwickelung. Die alten Jeschiboth bestehen in vielen Ländern gar nicht mehr, oder sind für die große Aufgabe ebenso wenig geeignet, wie ihr gewachsen. Wir bedürfen der Akademien, der jüdisch-theologischen Facultäten, der Hochschulen für die Wissenschaft des Judenthums. Sie werden doch nur ein Wiedererstehen der alten jüdischen Akademien in den palästinensischen und babylonsschen Großstädten, in neuer Form und mit neuem Geiste sein. Eine solche Hochschule soll jetzt in Berlin gegründet werden, und geben wir das Statut ders. als Beilage zu dieser Nummer d. Z. Es ist einsichtlich, daß diese Hochschule keiner religiösen Partei angehört, sie ist die Schöpfung des Gesammtgeistes, hat zum Inhalt die Totalität des Judenthums, in ihr müssen alle Bestrebungen und Richtungen münden, und ihre Bestimmung ist, die Befriedigung aller Bedürfnisse des jüdisch-geistigen Lebens. Ebenso wenig gehört sie einer Nationalität an. Auf dem Grunde deutscher Wissenschaftlichkeit und auf deutschem Boven bestehend, hat sie ihrer Natur nach keinen deutschen Inhalt und Zweck, sondern ihre Thätigkeit und ihre Wirksamkeit sind für das gesammte Judenthum, wie es in allen Ländern besteht, bestimmt. Und deshalb ist es gerechtfertigt, die Mithülfe aller Israeliten in Anspruch zu nehmen. Die jüdische Wissenschaft gehört keinem Lande an, ihre Erzeugnisse und Ausflüsse kommen allen Juden zu Gute. Aber, soll die neue Hochschule das werden, was sie sein soll, den ganzen Umfang ihrer Thätigkeit ausfüllen können, so gehören große und immer größere Mittel dazu, und wir können sie nicht allein von den deutschen Juden fordern und erwarten. Was für die Gesammtheit bestimmt ist, dazu muß auch die Gesammtheit steuern. Und haben es die deutschen Juden nicht verdient, zu einem so hohen Ziele von ihren Glaubensbrüdern in allen Ländern unterstützt zu werden?' Haben sie nicht den Kampf für die bürgerliche Gleichstellung in schwerster Weise geführt, schwerer als in irgend einem Lande? Haben sie nicht seit Mendelssohn die Wiederaufrichtung des jüdischen Geistes zu einem vorzüglichen Theile vollbracht und die Wissenschaft des Judenthums vorbereitet und begründet? Würden nicht, wenn dieser Plan aus Mangel an Mitteln unausgeführt bliebe, die nachtheiligen Folgen sich auf unsere ganze Glaubeusgenoffenschaft erstrecken? So möge auch dieses Wort ausgehen, uud willig entgegen genommen, reiflich erwogen werden, und seine Wirkung nicht verfehlen! Jedermann ist berufen, seine Pflicht zu bedenken, sein Herz zu befragen uud danach zu handeln. Der Herausgeber dieser Zeitung ist bereit, Zeichnungen und Beiträge entgegenzunehmen, und sie an 8*

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