Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 8 (22.2.1870)
- Date
- 1870-02-22
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 folgenden Jahrtausende erfüllte und beherrschte. Als die Römer schon die Mauern Jerusalems erstürmten, aber ehe noch der Tempel, die Synagogen und die LehrhLuser der h. Stadt den Flammen anheimfielen, wurde Äochanan ben Sakkai von seinen Schülern in einem Sarge hinausgetragen, um in Jamnia ein neues Lehrhaus, ein neues Sanhedrin zu gründen, das fortan der Mittelpunkt des geistigen Judenthums ward und, nach Sepphoris und Liberias verpflanzt, Jahrhunderte lang als Grundsäule unsrer Religion bestand. Bevor aber noch im vierten Jahrhundert die christlichen Römer auch diese letzten Zufluchtsstätten des palästinensischen Judenthums vernichteten, waren in den Ländern am Euphrat und Tigris neue Pflanzstätten der Gotteslehre erstanden, und die Leuchten von Sura und Pumpedita erhellten die Rächt eines halben Jahrtausends. Inmitten neuer furchtbarer Völkerkämpfe erloschen auch diese — doch ehe dies geschah, trug ein Schiff vier Männer der Lehre nach dem Westen; sie wurden nach Eairo, Cairuan, Cordova und Narbonue verschlagen (um 950), wo sie neue Schulen gründeten, so daß, namentlich in Spanien, neue frische Geistesblüthen an dem alten Stamme hervorbrachen. Bon da aus verbreitete sich das Studium der Gotteslehre mit jugendlicher Kraft nach Italien und Frankreich, nach Deutschland und Polen. Wohin das Geschick die Bekenner des Judenthums führte, dahin trugen sie ihr altes Erbtheil mit sich und verpflanzten es auf neuen Boden. Aber auch nach einer anderen Richtung hin verjüngte sich die Lebenskraft des Judenthums immer von Neuem. In dem Wandel der Zeiten schuf und eignete sich die Gotteslehre immer diejenige Form der Darstellung und des Studiums an, welche in den verschiedenen Zeiten für die Beschaffenheit des Geistes die angemeffenste und belebendste war. In der Thora tritt sie uns überall im einfachsten und durchsichtigsten Ausdruck, schlicht und bestimmt ausgesprochen, entgegen. Wie anders in den Reden der Propheten! Da erhebt sich der Geist auf den Schwingen deS dichterischen Ausdrucks, da ergießt er sich im Strome hinreißender Beredtsamkeit, da schwellt das Herz in den erhebendsten Gesühlen! Und in gleicher Weise bei den h. Scribenten, das unsterbliche Gebetwort der Psalmen, die wahre Lebensweisheit in den Sprüchen, die Lösung der höchsten Fragen im Hiob. Und wiederum welcher Wandel in dem großen Labyrinthe deS Talmuds! Es war die Zeit gekommen, wo alle menschlichen Beziehungen zu Gott, Welt- und Nebenmenschen, in Heiligthum, Staat und Familie als Rechtsfragen discutirt wurden, und diese Verhandlungen, Discussionen und Disputationen wurden von de» Weisen des Talmuds, in der Form unsystematisch und Alsammenhanglos, im Geiste nach denselben Principien und in derselben Methode, aufeinandergehäust und ineinandergeschoben. Neben diesem wurde Sittenlehre und Lebenserfahrung in Legenden, Gleichnissen und Sprüchen in prägnanter Weise ausgeprägt. Aber auch dieses Werk ward abgeschloffen, und ein neuer Geist schuf neue Bedürfnisie. Es mußte Ordnung und System in diese Massen von Satzungen, Ueberlieferungen und Coutroversen gebracht, und andrerseits der Lehrinhalt des Judenthums mit den vorhandenen philosophischen Theorien ausgeglichen werden. Die Zeiten Saadja's und Maimuni's mit ihren Nachfolgern vollbrachten dies. Jetzt aber trat jene unselige Periode völliger Aus- und Abschließung ein, die einige Jahrhunderte hindurch jede neue Entwickelung des jüdischen Geistes hemmte und beschränkte. Dennoch fehlte es auch hier nicht ganz an Bewegung und Umgestaltung. Bon der einen Seite versenkte sich der jüdische Geist in eine phantastische, groteske Geheimlehre, die Kabbala, die zuletzt in Amuletten- und Cameenkram ausartete; andrerseits führte er die Verästelung der Halacha weiter und schuf sich in deren Behandlung ein ihn beschäftigendes Spiel des Scharfsinns, Widersprüche aufzufinden und aufzulösen, den Pilpul. Aber das Leben im Jüdenchmne verdorrte darüber und trocknete aus, so daß es, der gewaltigen Entwickelung der Menschheit gegenüber, die damals vor sich ging, zu verstäuben, zu verschwinden drohte. Da kam eine neue Zeit. Die Menschheit war genugsam erstarkt, um die Fesseln des Mittelalters, die geistige und bürgerliche Knechtschaft zu zerbrechen und die Wege zur Wahrheit und zum Rechte zu eröffnen. Die Mauern der Ghettis sanken nach und nach. Da erwachte auch der jüdische Geist, dessen Arbeit mit dem Eintritt in vas allgemeine Culturleben von Neuem beginnen mußte. Wie nach einem Gesetze der Nochwendigkeit kehrte Mendelssohn zum Urquell des Judenchums zurück, und so war die erste Manifestation des neu erwachten jüdischen Lebens die Uebersetzung der heiligen Thora. Wer sieht nun nicht ein, daß mit diesem neuen großen Wandel auch der Geist des Judenthums sich neue Bahnen eröffnen, neue Gestaltung schaffen mußte? Diese