Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1870)
- Date
- 1870-02-15
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
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124 kommen geschaffen hat, daß er nach Gerechtigkeit und zugleich mit Barmherzigkeit die Menschenwelt, Völker wie Einzelne, leitet, daß der Mensch freien Willen hat, sein Thun aus eigenem Entschlüße entsteht und er daher für daffelbe verantwortlich ist. Das Böse ist daher nur eine Beziehung des Menschen zu Gott und zu sich selbst in seinem Thun, und was ihm von außen her geschieht, kommt von Gott und dient ihm zum Heile, mag es ihm für den Augenblick als gut oder übel erscheinen. Diese Lehre wurde vom Talmud in den beiden kleinen Sprüchen zum Ausdruck gebracht: „Du mußt Gott danken für das Ueble wie für das Gute," denn „Alles geschieht zum Guten." Diese Axiome schließen jeden Dualismus, jedes selbstständige, mit Machtvollkommenheit ausgerüstete, oder doch mit Gort rivalisirende böse Princip aus, und sind eher direct gegen solche heidnische Begriffe gerichtet, als daß sie sie zulaffen oder gar begünstigen sollten. Dennoch begegnen wir dem Namen Satan in der h. Schrift. Zuerst in der Einleitung des Buches Hiob. Unter den Bne Elohim, die sich vor Gott versammeln, erscheint auch Hasatan, der die Erde durchstreift hat. Er zweifelt an der Schuldlosigkeit und Gottesfurcht des Menschen, und will denselben nur aus Egoismus handeln laffen, während Gott den Hiob als ein Beispiel eines schuldlosen und gottesfürchtigen Menschen, der um der Liebe zu Gott willen tugendhaft handelt, hinstellt. Der Satan erhält daraus die Erlaubniß, Hiob durch große Leiden, durch Verlust seines Eigenthums und seiner Kinder, und endlich durch schmerzhafte Krankheit in Versuchung zu führen. Dies geschieht, Hiob besteht die Prüfung, und erhält Ersatz für das Verlorene — vom Satan ist nicht wieder die Rede. Man erkennt leicht, daß man es hier nur mit einem poetiscben Bilde, mit einer dichterisch verfaßten Allegorie zu thun hat. Die eigentliche Durcharbeitung der großen religions-philosophischen Frage: ob in dem Menschen das reine Gute, die Schuldlosigkeit und Tugendhaftigkeit, die Hingebung an die Nebenmenschen und an Gott wirklich bestehe, und wie dann die den Guten widerfahrenen Leiden mit der Gerechtigkeit Gottes auszugleichen sind, diese Durcharbeitung, welcher das Buch Hiob gewidmet ist, weiß nach dieser Einleitung nichts von einem Satan, von einem Versucher, einem Ankläger als einem wirklichen und wirkenden Wesen. Die Bne Elohim kommen 38, 7 in den Worten vor: „Jndeß zumal die Morgensterne jauchzten, und alle Gottessöhne jubelten," nämlich bei der Schöpfung der Erde (Vers 4—6). Auch wird von den Engeln ausgesagt, daß sie selbst nicht fehlerlos seien (4, 18). Wie der Berf. des Buches poetische Einkleidung liebt, ersieht man aus 4, 12 ff., wo die Lehre über die Schuldhaftigkeit des Menschen in einem Traumgesicht von einem Geiste, von einer Gestalt, verkündet wird. In dieser Durcharbeitung wird überall Alles, was dem Menschen begegnet, scheine es ihm gut oder böse, als von Gott ausgehend gelehrt. Schon im 2. Capitel heißt es Vers 10: „Das Gute nehmen wir an von Gott, und das Böse sollten wir nicht annehmen?" und 1, 21: „Der Ewige gab und der Ewige nahm, des Ewigen Name sei gepriesen." Hieraus geht überdeutlich hervor, daß in dem poetischen Bilde in der Einleitung der Satan nichts Anderes als eine allegorische Personification des Zweifels an der Schuldlosigkeit und Tugendhaftigkeit eines Menschen ist, nicht aber den Glauben an die Existenz eines bösen Princips bedeutet. — In der vierten Vision des während der ersten Regierungsjahre des Perserkönigs Darius (520) wirkenden Propheten Secharja II (3, 1 ff.) soll Israel von der auf ihm noch haftenden Verschuldung freigesprochen und gereinigt werden. Zu diesem Ende sieht der Prophet Israel personificirt im Hohenpriester, die Anklage oder Verschuldung im Satan, die Freisprechung und Reinigung im „Engel des Ewigen". Der Satan wird abgewiesen, dem Hohenpriester die schmuzigen Gewänder abgenommen und Feierkleider angelegt. Das Allegorische und Symbolische ist hier so klar ausgesprocheu, daß es weiterer Erörterung nicht bedarf. — Endlich, als 2 Sam. 24, 1 ff. erzählt wird, daß David wider den bestehenden Gebrauch das Volk zählen ließ, und in Folge deffen eine Pest ausbrach, heißt es: „Und nochmals entbrannte der Zorn des Ewigen wider Israel, und er erregte David zu sprechen: Geh, zähle Israel" u. s. w. Daffelbe spricht der Chronist (1 Chron. 21, 1) so aus: „Und ein Ankläger (p® ohne Artikel, während es an den beiden anderen angeführten Stellen pan heißt) erhob sich wider Israel und erregte David, Israel zu zählen." Ans Vers 7 geht es deutlich hervor, warum dies der Chronist gethan. Der metaphysirende Theologe findet einen Widerspruch darin, daß der böse Gedanke in David von Gott angeregt und die That doch von ihm bestraft sein sollte. Er giebt dem ganzen Vorgang den Charakter des Visionären, und personificirt die böse Begierde in David als „einen Satan."