Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1870)
- Date
- 1870-02-08
- Page
- Seite 119 (sequence 19)
- Language
- German
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119 warf der Redner ein ergreifendes Bild nach drei Richtungen hin. Er zeichnete dieselbe auf wissenschaftlichem, staatlichem und socialem Gebiete. Es sei freilich schmerzlich, daß man Religion und Menschenthum versöhnen müsse; aber die Klagen über die Religion seien leider genug gehört worden, man habe ihren Streit gegen die Wissenschaft so grell dargestellt, daß eine Versöhnung nothwendig erscheine. Wer verstieß die großen Geister: einen Sokrates, einen Jordano Bruno, Galiläi, Spinoza rc.? „Die Religion", sagt man, und nun bildet sich auf der einen Seite der Menschen crasser Materialismus, auf der andern Schwärmerei. Aber der Monotheismus will doch auch nichts als Wahrheit, und der ganze Zwiespalt ist nur durch eine Verwechslung der Religion mit der Confession entstanden. Die Confession schmiedet Fesseln; es giebt aber nach Mendelssohn eine Religion der Wissenschaft, des Geistes, der Vernunft, die nie mit der Wahrheit streitet. Wie dies auch der Freund Mendelssohns, Lessing (dessen inniges Verhältniß zu seinem Mendelssohn schon die verkörperte Versöhnung der Religion mit dem Menschenthum war), im Nathan dar gestellt, wie in diesem Drama alle die Erscheinungen dieser Versöhnung als Personificationen auftreten, das entwickelte der Redner mit Schärfe und Klarheit und reihte daran den erfreuenden Gedanken, daß seit Mendelssohn das Menschenthum mächtige Fortschritte gemacht habe. Den Streit der beiden Mächte auf staatlichem Gebiet fand er ebenfalls auf einem Jrrthum beruhend. Man habe gesagt: die Religion stelle sich den staatlichen Entwickelungen hemmend entgegen, und dies bewirke auf der einen Seite Jndifferentismus, auf der andern Despotie. Aber man hat Theokratie mit Hierarchie verwechselt und nicht daran gedacht, daß der Monotheismus dieselbe Gerechtigkeit will, welche das Menschenthum des Staates verlangt, und daß diese Eintracht nur die Hierarchie stört. Religion und Staat müssen Frennde sein; keines muß das andere knechten wollen. Auch diese Versöhnung wurde in den Zügen des Nathan nachgewiesen (Saladin als Personisicirung des rechten Staatess und an der Schrift „Jerusalem" von Mendelssohn. Bei der Beleuchtung des dritten »socialen Gebietes der Versöhnung zwischen Religion und Menschenthum schilderte der Vortragende wieder zuerst die Klagen gegen die Religion, die das Glück der Menschheit zerstöre durch den Haß, den sie entzünde. Haß sei schon an und für sich schlimm; sieht der Mensch aber in diesem Hasse sogar etwas Frommes, glaubt er damit Gott einen Gefallen zu thun, dann sei diese Erscheinung zu traurig. Der Blick auf solchen Haß habe Einige so weit gebracht, daß sie sich der Religion fast schämen. Andere dahin, daß pe sich dem grauenvollsten Fanatismus in die Arme werfen. Aber auch hier liege ein Jrrthum zu Grunde. Das Menschenthum will das Wohl der Menschheit befördern, und das will doch auch die Religion. Hier ging der Redner namentlich auf den „Phadon" Mendelssohns tiefer ein und setzte die Behauptung ins rechte Licht, daß das Leben des Menschen nicht als confessionelles, sondern als menschliches Leben unsterblich und für das Himmelreich bestimmt sei. Am Schluß des Vortrages wurde des 1800jährigen Todestages^des jüdischen Reiches gedacht. So wie aber Mendelssohn nicht zu betrauern sei, da er mit dem Geiste noch lebe, so sei auch jener Untergang nickt zu betrauern, da er nur eine Hülle zerrissen, aber das Leben nicht getrosten habe. Doch müsse man mit Pietät auch dieses Todestages gedenken und dabei sich der großen Mission erinnern, welche das Judenthum als lebendiger Zweig am Baume der Menschheit habe, und welche darin bestehe, den Sieg des fortschreitenden Menschenthums mit herbeiführen zu helfen. — Nach dieser geist- und gemüthvollen Rede folgten abermals musikalische und declamatorische Vorträge. Vermischtes. Ueber das Studium der orientalischen Sprachen in Italien währenddes 15. Jahrhunderts macht I. Burckhardt in seinem Werke „Die Cultur der Renaissance in Italien" (Basel 1860) S. 196 folgende Bemerkung: „Daß neben den classischen Studien auch die orientalischen einen ziemlich bedeutenden Umfang gewonnen, ist wenigstens hier mit einem Worte zu erwähnen. An die dogmatische Polemik gegen die Juden knüpfte sich zuerst bei Gianozzi Mannetti,') einem großen florentinischen Gelehrten und Staatsmann ist. 1439), die Erlernung des Hebräischen und der ganzen jüdischen Wissenschaft; sein Sohn Agnolo mußte von Kindheit auf lateinisch, griechisch und hebräisch lernen; ja Papst Nikolaus V. ließ von Giannozzo die Bibel neu übersetzen, indem die philologische Gesinnung jener Zeit darauf hindrängte, die Vulgata aufzugeben"). Auch sonst nahm mehr als ein Humanist das Hebräische lange vor Reuchlin mit in seine Studien auf und Pico Della Mirandola besaß das ganze talmudische und philosophische Wissen eines gelehrten Rabbiners. Auf das Arabische kam man am ehesten von Seiten der Medicin, welche sich mit den älteren lateinischen Ueberfetzungen der großen arabischen Aerzte nicht mehr begnügen wollte; den äußeren Anlaß boten etwa die venezianischen Consulate im Orient, welche italienische Aerzte unterhielten. Hieronimo Ramusio, ein venezianischer Arzt, übersetzte aus dem i) Yespas. Fior. p. 4S. 476. 57S. 614. — Auch Fra Ambrogio Camaldolcse konnte hebräisch. Ibid. p. 320. 2! Sixtus IV, der das Gebäude für die Vaticana errichtete und dieselbe durch viele Ankäufe vermehrte, warf auch Besoldungen tür lateinische, griechische und hebräische Scriptoren (librarios) aus. Platina, vita Sixli IV, per 332.