Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-08 · Heft 6 (8.2.1870) · p. Seite 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 6 (8.2.1870)
Date
1870-02-08
Page
Seite 106 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226744-3226751--28054-3301856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

106 c. Staatliche und persönliche Verhältnisse der Nothleideuden. Ganz besonders aber wird das Werk der Abhilfe durch staatliche und persönliche Verhältnisse der Nothleidenden selbst erschwert. Man bedenke zunächst, daß dieselben Umstände, die den Nothstand hervorgerufen, auch theilweise der Regeneration entgegenstehen, während ste sich unserer Einwirkung völlig entziehen. Wir verweisen hier auf die oben sub I. A.— D. auseinander gesetzten Verhältnisse. Hierzu kommen nun die natürlichen und räumlichen Hemmnisse, die den Einfluß auf die Bewohner eines entfernteren, durch Sprache und Sitte von uns verschiedenen, durch eigenthümliche Paß- und Polizeigesetze halb unzugänglichen Landes so ungemein erschweren. Endlich aber werden wir — das ist unsere begründete Besorgniß — sowohl seitens der Regierung, als auch unserer Glaubensgenossen in Westrußland selbst für den Anfang mit Mißtrauen beobachtet und beargwöhnt werden: doch haben wir unsererseits die feste Ueberzeugung, daß dies nur für den Anfang zu überwindende Schwierigkeiten sein werden. Sowohl die russische Regierung, der, auch wo man sich mit dem von ihr eingeschlagenen Wege 'nicht einverstanden erklären kann, doch das Zeugniß gebührt, daß sie den guten Willen hat, die Juden aus ihrer Einzelstellung, die sie sich im Laufe der Jahrhunderte zum Theil selbst geschaffen haben, zu reißen, die Bildung unter ihnen zu fördern und den reichen Fond von Geisteskraft, der in ihnen schlummert, zu wecken und verwerthen — als auch die dortigen Juden, namentlich durch Vermittelung der zahlreichen intelligenten und zeitgemäß gebildeten Persönlichkeiten in ihrer Mitte, werden allmälig zu der Erkenntniß gelangen, daß wir nur philanthropische Zwecke, frei von jedem religiösen und politischen, oder gar nationalen Hintergedanken verfolgen, und werden uns bei unserem schweren Werke hilfreich und entgegenkommend die Hand bieten. B. Mittel zur Abhilfe. Die Berliner Delegirten - Versammlung hat in dem oben erwähnten beiliegenden Protokolle so ziemlich alle die Mittel und Wege angegeben, die bei der Frage der Regeneration der westrussischen Juden unserseits irgendwie in Betracht kommen können und die deshalb auch von uns vor dem Beginne unserer Thätigkeit gebührend in Erwägung gezogen werden müssen. Doch glauben wir, ehe wir uns entscheiden, die allgemeinen Gesichtspunkte angeben zu müssen, von denen wir uns bei Auswahl der Mittel wie bei der Ausführung leiten und bestimmen lassen. 1. Da es sich, wie bisher auseinandergesetzt worden, jetzt nicht mehr um directe Linderung einer noch mehr oder minder herrschenden Noch, vielmehr um eine dauernde, nachhaltige Hilfe handelt, so können nur solche Mittel in Betracht und zur Anwendung gelangen, welche, wenn auch langsam und allmälig, so doch schließlich die Erreichung des von uns angestrebten Zweckes verbürgen, während Mittel, die vielleicht einer augenblicklichen Noch steuern, aber nur vorübergehend wirken, unserer Thätigkeit fern bleiben müssen. 2. Unter den eine dauernde Abhilfe bezweckenden und versprechenden Mitteln sind wiederum diejenigen in erster Linie zu berücksichtigen, die nicht mit der Uebernahme dauernder Verpflichtungen verbunden sind. 3. Unter den von uns zu ergreifenden, vorläufig mit einmaligen Ausgaben verbundenen Mitteln sind zunächst diejenigen vvrzuziehen, welche nickt langer Vorbereitung zu ihrer Ausführung bedürfen, da es sich sowohl im Interesse der Nochleidenden selbst, als auch einer regen Becheiligung unserer Glaubensgenossen an unserem Hilfswerke dringend empfiehlt, so schnell als möglich Hand an das Werk zu legen, um auf Resultate unserer Thätigkeit Hinweisen zu können. Demgemäß müssen wir uns, aus den sub 1 angegebenen Gründen gegen die ad a 1 in Protokolle vorgeschlagene Unterstützung von Wittwen und Waisen als eines besonderen Zweiges unserer Thätigkeit erklären, da dieselbe nur den Charakter einfacher Unterstützung nothleidender Personen trägt, welches unserem Zwecke ferner liegt. Ebenso wird die Einrichtung von besonderen Erziehungsanstalten, so wie die Unterbringung von Kindern bei Familien, in so fern bei letzterer eine Reihe von Jahren in Aussicht genommen werden muß, erst in dem Augenblicke zur Ausführung gelangen können, wenn das Ergebniß der zu erlassenden Aufforderungen zu Jahresbeiträgen uns in den Stand setzt, die'Höhe unserer Einnahmen annähernd zu bestimmen und von ihr den Umfang der zu übernehmenden Verpflichtungen abhängig zu machen; dagegen können wir allen anderen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.