Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1870)
- Date
- 1870-02-08
- Page
- Seite 105 (sequence 5)
- Language
- German
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- Hrodna 1× ep/1044655
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- Minsk 1× ep/1000754
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OCR text
105 Die westrussischen Juden. IV. Denkschrift des Han-t-Grein-Comite's in Königsberg in Pr. (Schluß.) H. Abhilfe der Noth. A. Schwierigkeiten der Abhilfe. Die Schwierigkeiten, die sich einer gründlichen Abhilfe des Nothstandes, d. h. einer notwendigen durchgreifenden Regeneration der dortigen jüdischen Bevölkerung entgegenstellen, liegen in drei Punkten und zwar: L. in der Ausdehnung des Nothstandes; b. in den verhältnißmäßig geringen Mitteln, die uns zu Gebote stehen; und o. in den staatlichen und persönlichen Verhältnissen der Nochleidenden. a. Die Ausdehnung des Nothstaudes. Wie wir oben angedeutet, dürsten bei unserer THLtigkeit ca. zwei Drittel der jüdischen Bevölkerung Westrußlands in Betracht kommen; die Landstriche nämlich, die unter dem Nothstande leiden, gehören zu den dichtbevölkertesten; es sind im eigentlichen Rußland die Gouvernements : Kowno, Grodno, Wilna, Minsk, Witebsk und das Gouvernement Augustowo in Polen. Wenn nun auch die hie und da verbreiteten Angaben über die Zahl der Nochleidenden, die sich bis zu 2^2 Millionen versteigen, als nicht zutreffend bezeichnet werden müssen, andererseits eine genaue statistische Uebersicht erst allmälig zu beschaffen sein wird, so läßt sich doch mit aller Bestimmtheit behaupten, daß die nochleidenden und hülfsbedürstigen Personen nach Hunderttausenden zählen. Haben doch während des verflossenen Nothjahres allein gegen 300 Städte Unterstützungen für ihre Armen verlangt und erhalten. Rechnet man im Durchschnitt auf jeden dieser Orte auch nur 4—500 Seelen, so ergiebt sich die Zahl von ca. 150,000 Hilfsbedürftigen und hiermit eine Aufgabe, wie sie selten der Privat-Wohlthätigkeit gestellt wird, und deren Ausführung gewaltiger Mittel bedarf. d. Die verhaltnißmäßig geringen Mittel, die uns zu Gebote stehen. Einer solchen Aufgabe gegenüber müssen auch reichlichere Mittel, als die, über die wir werden verfügen können, verschwindend erscheinen, und es wird der Anspannung aller Kräfte bedürfen, um ein einigermaßen befriedigendes Resultat zu erzielen. Der jüdische Wohlthätigkeitssinn hat sich allerdings im letzten Jahre wiederum glänzend bewährt. Es sind den verschiedenen Comito's zu Königsberg, Lyck, Memel, Tilsit, Schirwindt und Gumbinnen mehr als 200,000 Thaler zugegangen, außer den beträchtlichen Summen, die direct in die Hände des Kownoer und Grodnoer Comites gelangt sind; aber erwägt man 1. daß der unermüdlich ertönende Nothschrei Hungernder und Sterbender im außergewöhnlichen Maße Mitgefühl erweckt und Herzen öffnet — ein Hilfsmittel, auf das die künftigen Comitss verzichten müssen und Gottlob verzichten können; 2. daß es sich damals, wie die betreffenden Aufforderungen immer betonten, nur um ein einmaliges, kurzes, mit dem Eintreten der Ernte aufhörendes Hilfswerk handelte, während wir gegenwärtig eine vielleicht Jahrzehnte hindurch anhaltende Selbstbesteuerung fordern; 3. daß ein nicht unbeträchtlicher Theil der eingegangenen Unterstützungsgelder aus den Beiträgen anderer Consessionen gefloffen, auf deren nachhaltige Mitwirkung und Betheiligung an unserem Werke vorläufig aber kaum zu zählen ist: — so ergiebt sich hieraus, daß bei aller Opferfähigkeit unserer Glaubensgenossen und bei aller zu erwartenden Energie der mit den Sammlungen betrauten Comitös für den Anfang wenigstens und im Lerhältniß zu der gewaltigen Aufgabe, die uns obliegt, nur sehr bescheidene Mittel zur Ausführung unseres Werkes vorhanden sein werden, daß wir uns bis zur vollendeten Organisation eines auf regelmäßige Beiträge zu basirenden Unterstützungswesens dauernder Jnstttutionen, die auf Jahre hinaus uns Verpflichtungen auflegen würden — und das werden gerade die wirksamsten sein — zu enthalten haben, und in erster Linie nur solche Einrichtungen ins Auge fassen können, mit denen nur einmalige Ausgaben verbunden sind.