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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-08 · Heft 6 (8.2.1870) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 6 (8.2.1870)
Date
1870-02-08
Page
Seite 103 (sequence 3)
Language
German
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103 bald, und es bleibt nur ein kleiner fremdartiger Körper zurück, der statt zu wachsen abnimmt. Denn vergeffen darf man nicht, daß Berlin eine Großstadt geworden und immer mehr wird. Zwar unterscheidet sie sich noch wesentlich von London und Paris. Berlin hat noch den deutschen Charakter, und wird ihn mit Gottes Hülfe behalten. Das öffentliche Leben hat noch nicht das Privatleben überschwemmt und in seine Wirbel hineingeriffen. Jenes hat in Berlin noch lange nicht so vielen Raum und ein so breites Bett auf den Straßen und in öffentlichen Localen erlangt, als in jenen Weltstädten. Ein Jeder gehört noch vorzugsweise feiner Familie und seinen Privatkreisen an, und das Gleichartige lernt sich daher kennen und findet sich immer wieder, und verliert sich nicht in dem allgemeinen Strom. Dies verhindert aber nicht, daß das Leben in Berlin all' die Beweglichkeit angenommen, welche Tag für Tag Etwas heranbringt und wieder fortführt, dem Tage etwas Besonderes zufluthet, um es mit dem nächsten wieder hinwegzutreiben. Ein bleibendes Jntereffe zu wecken, ist daher auch in Berlin sehr schwierig, wenn überhaupt möglich. Nirgends werden so viele Kräfte und so rasch verbraucht und abgenutzt wie in diesen Großstädten, und so auch in Berlin. Durch irgend ein bedeutendes Talent oder durch einen großen Ruf vermag Jemand in Berlin bei seinem Auftreten einen günstigen Eindruck zu machen, ja, Begeisterung zu wecken. Hat er wirklichen Gehalt, so wird dieser Eindruck, diese Gunst des Publikums einige Zeit Vorhalten. Da es aber Niemanden möglich ist, immer neue Seiten herauszuwenden, neue Gedanken und Werke zu schaffen, dieselbe Kraft in allen Situationen zu bewähren, so verliert sich bald die Aufmerksamkeit, das Jntereffe schwächt sich ab, die Autorität mindert sich. Hier tritt aber der Unterschied zwischen dem wahren Gehalt und dem Charlatanismus hervor. Auch der letztere ist im Stande, ein großstädtisches Publicum eine Zeit lang an sich zu feffeln. Dann aber wird er in seiner Nichtigkeit durchschaut und verschwindet vom Schauplatz. Jener wirkliche Gehalt aber, wenn er auch für das allgemeine Publicum und deffen Enthusiasmus verbraucht worden, wird desto mehr einen engeren Kreis um sich schaaren, und diesen dauernd für sich behalten, einen Kreis, der sich vorkommenden Falles um so treuer ihm bewährt. Dies ist so wahr, daß nicht selten ein Uebelstand daraus hervorgeht. In großen Gemeinden, nicht selten auch in mittleren, finden sich immer Residuen der Vergangenheit, gealterte Größen, deren Wirksamkeit vorüber ist. und die dennoch aus alter Anhänglichkeit ihre Stellen und ihr Gewicht behalten, so daß eine Neugestaltung oder die Schöpfung neuer Veranstaltungen überaus schwierig, in vielen Fällen unmöglich wird. Jede Epoche lagert Trümmer ab, melche die Pietät hinwegzurLumen verhindert. So im Großen, so im Kleinen, so mit ganzen Epochen und mit Persönlichkeiten. Aus der Beachtung aller dieser Momente erklären sich die eigenthümlichen Constellationen. An diese allgemeinen Betrachtungen fügen wir nun ein factisches Bild, und entnehmen daffelbe der vor Kurzem veröffentlichten „Uebersicht des Haushaltes der jüdischen Gemeinden in Berlin in dem Jahre 1868." Der Vorstand konnte diese glücklicher Weise mit dem Hinweis auf „das fortdauernd ungestörte Gleichgewicht zwischen den Einnahmen und Ausgaben" beginnen. Hieran schließen sich folgende Bemerkungen: „Bei getreuer Erfüllung aller Obliegenheiten und planmäßiger Amortisation der contrahirten Anleihe ist dieses Gleichgewicht doch unter Wahrung der bisherigen Einschätzungsnormen und ohne Erhöhung der nach diesen Normen bestimmten Steuersätze eingehalten worden. Denn wenn die Einnahmen aus den laufenden Beiträgen (Position Nr. 1. der „Uebersicht") sich im Berhältniffe zum Vorjahre um 8727 Thaler vermehrt und etwaige frühere Ausfälle vollständig gedeckt haben, so hat in entsprechendem Maße auch die Zahl der Contribuenten sich vergrößert, die seit Anfangs 1866 von 4300 bis 5000 gestiegen ist. Einzelne inzwischen gleichwohl erfolgte Beitragserhöhungen beruhen daher nicht etwa auf einer Abweichung von den seit einer langen Reihe von Jahren feststehenden Einschätzungsgrundsätzen, sondern bezweckten im Gegentheile die genaue Einhaltung derselben, die eben nur durch eine alljährliche Revision der Steuerrolle und eine gewiffenhafte Ausgleichung wahrnehmbarer Unrichtigkeiten zur Geltung kommen können. Erweitert man übrigens den statistischen Rückblick bis zu dem Jahre 1843, als demjenigen, in welchem zum ersten Male eine vollständige Haushaltsübersicht von der Gemeindeverwaltung veröffentlicht worden ist, so gelangt man zu der befriedigenden Wahrnehmung, daß seit jenem Zeitpunkte die Gemeindesteuer von 22,746 auf 81,484 Thaler und die Zahl der Beitragenden von 1131 bis auf 5000 gestiegen ist, durchschnittlich also im Jahre 1843 etwa 190)5 und im Jahre 1868 6*

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