Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 34 (1870)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1870)
- Date
- 1870-02-08
- Page
- Seite 102 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3226744-3226751--28050-3301852- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
102 sich: kann sich in diesem Gemisch jener Charakter erhalten? Vermag er die fremden Elemente zu überwinden oder wird er selbst überwunden? Es kommt selbstverständlich hierbei viel auf die Natur dieser Elemente an. So weit sie z. B. aus Westfalen, Hannover, Braunschweig, Provinz Sachsen, Anhalt und zu einem Theile aus Schlesien kommen, stehen sie der Richtung des Berliners nahe, ordnen sich ihm an und dienen ihm also zur Nahrung. Der Zuzug dagegen aus Posen, Preußen, Pommern u. s. w. ist anders geartet — womit wir natürlich keinen Tadel aussprechen, und tritt jenem vielmehr feindlich entgegen, als daß er sich mit ihm zu amalgamiren verlange. Da ist mehr Feuer, mehr Leidenschaftlichkeit, aber auch weniger Geschmack und Bildung, ja nicht selten das gerade Gegentheil von letzterem. Offen gestanden, man stößt sich sogar untereinander ab. So kommt es zu kleinen und großen Kämpfen, zu kleinen und großen Scharmützeln. Es ist daher nicht zu verkennen, daß neben jenem oben gezeichneten Charakter sich bei den Berliner Juden seit mehr als zwanzig Jahren auch das volle Gegentheil geltend macht. Es prägt sich dies besonders in der, außer Berlin nirgends so vorkommenden Fluth angreifender und schmähender Inserate in den Berliner Zeitungen bei dem geringsten, die Gemeinde betreffenden Vorgang aus, wo ganz ungescheut alle, die Oeffentlichkeit garnicht interessirenden Dinge meist anonym in craffester Weise besprochen wer-- den. Obgleich man meinen sollte, daß das Uebermaß und der geringe Erfolg von diesem Mittel, der persönlichen Leidenschaft zum Erguß zu helfen, nach und nach abstehen mache, so ist dies nicht der Fall, und wird das sittliche Gefühl und der gute Geschmack immer von Neuem davon verletzt. Jndeß so unangenehm dieses Treiben ist, ja so schmählich, wenn man es in seiner Wirkung nach außen, d. h. in der Mißachtung, welche es in nichtjüdischen Kreisen Hervorrufen muß, betrachtet: so ist es doch mehr charakteristisch, als von Einfluß, und man hat sich bereits daran gewöhnt und achtet nicht darauf. Wenn man nach der religiösen Tendenz, die gegenwärtig in der Berliner Gemeinde obwaltet, fragt, so ist sie trotz der Mannigfaltigkeit der Vorkommniffe nicht schwer zu erkennen. Die liberale Richtung herrscht im Vorstande und in den Repräsentanten vor, und da diese aus den Wahlen der gesammten Gemeinde hervorgingen, müffen wir das liberale Element als das vorwiegende auch in dieser ansehen. Diese liberale Tendenz hat sich genügend bestätigt, aber ebenso sehr geht sie von dem Gesichtspunkte aus, daß die Gesammtgemeiude auch nicht unbeträchtliche Theile enthält, welche einer anderen Richtung angehören, und daß diese Minorität ein unantastbares Recht nach Befriedigung ihrer religiösen Bedürfniffe hat. Auch diese Ansicht ist bethätigt worden. Man hat in den verschiedenen Gotteshäusern jeder Nuancirung des Cultus gerecht zu werden gestrebt, indem man einigen Synagogen den bisherigen Ritus erhielt, und wollte durch die Anstellung eines mehr der sg. Orthodoxie zugeneigten Rabbiners auch diesem Bedürfniffe genügen. Allerdings abstrahirte man bis jetzt in den thatsächlichen Formen von den beiden Extremen. Der Gottesdienst in der neuen großen Synagoge hat zwar Chor und Orgel, die Vorlesung nur der ersten Hälfte der Sidra am Sabbath Vormittag, die Nichtwiederholung der Thefillah und einige wenige Wortveränderungen in der Muffaphthefillah. Sonst aber ist er völlig der alte, und somit himmelweit von dem Gottesdienst der Reformgenoffenschaft entfernt. Ebensowenig hat man einen alten polnischen Rabbi berufen, um im Rabbinate Sitz zu nehmen. Alles dies kann Niemand ableugnen, sowohl die liberale Richtung, als auch das Streben, jedem Theile der Gemeinde gerecht zu werden, ohne in die Extreme zu verfallen. Da aber, wie .es sich bei einer so großen Seelenzahl (bis zu 30,000) von selbst versteht, diese Extreme auch vorhanden sind, so ist es natürlich, daß einerseits bie Reformgenoflenschaft ihren Bestand aufrecht erhält, andrerseits kleine Gruppen nach vorgeblich orthodoxester Seite sich gebildet haben, die sich in Gottesdienst, Unterricht u. s. w. eigenartig hinstellen wollen. Man wird hiergegen nichts einzuwenden haben, wenn diese nichts weiter wollen, als eben ihrer religiösen Anschauung eine angemeffene Ausprägung zu verschaffen. Das Schlimme aber ist nur, daß, während von liberaler Seite jeder zukömmliche Spielraum ruhig gelassen wird, diese kleinen Glieder sich sofort zum Angriff erheben, und weil sich das Ganze ihnen nicht un-- terordnen will, es mit jeder möglichen Waffe zu bekämpfen trachten. Dies stört den Frieden, den ruhigen Entwickelungsgang, bringt Aergerniß herbei, und hie und da verhindert es auch das Schaffen guter Institutionen. Demungeachtet braucht man diesen Dingen nicht die Bedeutung zuzuschreiben, die sie in der ersten Aufwallung zu haben scheinen. Bleibt man ihnen gegenüber kaltblütig, läßt sich in keinen unmittelbaren Streit mit ihnen ein, so verschwindet das Jntereffe an ihnen