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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-01 · Heft 5 (1.2.1870) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 5 (1.2.1870)
Date
1870-02-01
Page
Seite 90 (sequence 14)
Language
German
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HH zwei Jahren erfolgten Tode Rappvports lvar es dieser und Hr. Prof. Kämpf, welche jedes Jahr VSN dem Vorstände des Vereines mit der ehrenvollen Aufgabe, jener Bestimmung gerecht;u werden, betraut wurden; was ihnen auch jedes mal glänzend gelang. Nach dem Tode Rappoports sah sich auch Hr. Prof. Kämpf aus mehrfachen Gründen veranlaßt, auf die Ehre im Bereinslocale der Bcerdigungsbrüderschafr eine Draschah zu halten Verzicht zu leisten und wies das diesbezügliche Ersuchen des Vorstandes ab, worauf dieser, die zahlreichen hiesigen Prediger übergehend, sich Darschanim aus der Fremde verschrieb, welcher Fall sich auch voriges Jahr wiederholte. Erst Heuer, als der Vorstand der Stimme der öffentlichen Meinung nicht mehr widerstehen konnte, machte er den vor zwei Jahren begangenen Fehler wieder gut, indem er Herrn Prof. Kämpf mit der Draschah in der Klaussynaoge beehrte. Die jüdische Bevölkerung, welche durch Zeitungsinserate hievon verständigt worden war, eilte nun am vergangenen Sonntag aus allen Ecken und Enden der Stadt in die Klaussynagoge, um von vr. Kämpf auch eine Draschah nach altem Zuschnitt zu hören. Diejenigen, welchen als sogenannten Honoratioren Plätze angewiesen wurden, und diejenigen, welche stark genug waren sich einen Standpunkt, und wäre dieser auch nur auf einer Banklehne, zu erzwingen, ergötzten sich denn wirklich an einer zweistündigen Draschah, welche nicht nur mit witzigen und geistreichen Bemerkungen gewürzt war, sondern auch wissenschaftliche Erklärungen vieler Hagadah's enthielt und der auch das bei einer Draschah obligate Eharisoth nicht fehlte. Wie vorauszusehen war, ließ der Redner auch den skandalösen Vorfall, welcher sich hier unlängst bei einem Leichenbegängnisse ereignete, nicht unberührt. Vor einiger Zeit wurde nämlich ein junger Mann zu Grabe getragen, der Mitglied eines Gesangvereines gewesen; die Mitglieder dieses Vereines wollten nun ihrem dahingeschiedenen Eollcgen das letzte Geleite geben und postirten sich zu diesem Zwecke mit brennenden Windlichtern um den Leichenwagen. Ueber dieses „Ehukath Hago" gerieth ein Vorstandsmitglied der Beerdigungsbrüdcrschaft in seinem orthodoxen Eifer so außer Rand und Band, daß er, als er sich nicht anders zu helfen wußte, dem Kuffcher befahl mit der Leiche im Galopp davon zu fahren, was dieser auch that. Dieses nicht genug zu tadelnde Gebahren des Vorstandsmitgliedes rief unter den Anwesenden eine allgemeine Indignation hervor, welcher gleich an Ort und Stelle in handgreiflicher Weise und später in einer Aufforderung, daß dieses Vorstandsmieglied von seinem Amte zurücktreten soll, Ausdruck verliehen wurde. Aus Anlaß dieses Vorfalles hielt die Beerdigungsbrüderschaft eine Generalversammlung ab, beschloß aber alles beim Alten zu lassen. Herr Prof. Kämpf bemerkte daher in seiner Rede, daß es wohl in Natur und Wesen eines Vereines, dessen Thätigkeit sich vor allem auf die Todten erstreckt, liege, conservativ zu sein, daß er aber nichtsdestoweniger die neuen Verhältnisse, in welchen wir leben, zu berücksichtigen habe und auch in dieser Beziehung sich manches ändern lasse, ohne gegen die Pietät für mffere Altvordern zu verstoßen. Hoffentlich werden sich dies unsere orthodox scheinen wollenden merken. Wessen Schlags übrigens diese Leute hier sind, können Sie am besten dem Umstand entnehmen, daß derselbe Mann, welcher der Held obiger Erzählung ist, in seiner Eigenschaft als Armenvater mit einer Schaar jüdischer Kinder zur Christbescheerung für hülfsbedürftige Kinder, welche im Saale der Sophieninscl alljährlich veranstaltet wird, ging, um dort die Folie für die „allumfassende chrfftliche Liebe, welche keinen Unterschied der Nationalität und Religion kennt" abzugeben. Christbaum, Christbescheerung und ave maria waren für ihn kein Chnkath-Hago, wohl aber das Tragen von Windlichrern. Auch bei der Christbescheerung im deutschen Casino haben sich die Juden in hervorragender Weise betheiligt, vier Juden befanden sich sogar im Comite, dem die Arrangirung des Festes oblag. Natürlich hat auch da die christliche Liebe einige Judenkindcr in Winterkleider gehüllt, deren Anzahl aber keineswegs den von jüdischer Seite erhaltenen Geschenken entsprach. Ob der Satz in der bei dieser Gelegenheit gehaltenen Rede des Direktor Heinrich, daß auch diejenigen, welche nicht getauft find, Christen sind, den anwesenden Juden die Schamröthe ins Gesicht getrieben hat, können wir nicht mit Bestimmtheit sagen. Einige glaubten, die Stimme ihres Bewußffeins damit zu beschwichtigen, daß sie bei ihren Gaben die Bedingung stellten, dieselben sollen an jüdische Kinder vertheilt werden, was aber ans mehrfachen Gründen noch tadelnswerther ist; denn ist es denn schon sv lange her, als diese Leute das ehemalige Ghetto verließen, daß sie nicht mehr wffsen, wo die Stätten der Armuth sind und daher die Vermittelung des Christkindes in Anspruch nehmen müssen? oder ist es dieses, welches sie gelehrt Humanität zu üben? Unseres Wissens steht:

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