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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1870-02-01 · Heft 5 (1.2.1870) · p. Seite 85

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
34 (1870)
Issue
Heft 5 (1.2.1870)
Date
1870-02-01
Page
Seite 85 (sequence 9)
Language
German
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85 von Anderem nicht zu reden, die Aufhebung der Leibeigenschaft, dieses letzten Restes mittelalterlichen Feudalismus, in Folge der durch dieselbe bedingten, veränderten Beziehungen und Lebensstellungen der früheren Herren und Leibeigenen auch eine nicht geringe Anzahl Juden ihrer seitherigen Stellung als Vermittler, Agenten, Factoren, Wirthe u. s. w. beraubt, und ihnen die Stütze ihrer Existenz entzogen. Auch dieser Umstand ist bei Beurtheilung des Nothstandes unter den westrussischen Inden, so wie bei den Versuchen, sie ihrer unglücklichen Lage zu entreißen, gebührend zu beachten. E. Niederer Stand der Cultur überhaupt. Vor Allem aber ist in den Culturverhältnissen der Juden selbst, die seit Jahrhunderten keine Aenderung erlitten, und an denen fast alle Fortschritte der Neuzeit spur-und wirkungslos vorübergegangen sind, eine wesentliche Veranlagung des gegenwärtigen Nothstandes zu suchen. Alle bisherigen aufgezahlten Ursachen des gegenwärtigen Nothstandes und der Verarmung werden durch sie erst verständlich, wie sie eben hierdurch in ihren traurigen Einflügen erst ermöglicht und verstärkt werden. Die Kenntniß der dortigen Culturverhältnisse, der Stand und Grad des öffentlichen Schulunterrichts und der allgemeinen Bilvung, die unter ihnen herrschenden Lebensanschauungen und Lebensgewohnheiten, dürfen als hinlänglich bekannt vorausgesetzt werden: auch glauben wir uns über die Ursachen dieses Gegensatzes, in dem sich die westrnssischen Juden zur modernen Cultur befinden, wie wir oben schon angedeutet, hier nicht weiter aussprechen zu müssen. Wir wollen nun darauf Hinweisen, wie sich auch hier wiederum der Satz bewahrheitet, der als erster Grundsatz aller volkswirthschaftlichen Thätigkcit aufgestellt werden muß: daß nur im Besitze der allgemeinen Bildung die Garantien eines allgemeinen Wohlstandes gegeben sind. Andererseits ist aber auch hiermit der Ausgangspunkt unserer Thätigkcit. wenn sie auf Erfolg rechnen soll, ein für allemal gegeben. (Schluß folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, 21. Januar. In Paris erscheint eine neue Wochenschrift unter dem Titel Revue Israeli te, als deren Geranten sich Isidore Lo eb unterzeichnet. Nach dem Programm soll die Zeitschrift vorzugsweise „durch Rabbinen und für die Rabbinen" erscheinen, ohne jedoch ein ausschließliches „rabbinisches Journal" sein zu wollen. Zugleich bekennt sie sich als ein Organ des Fortschrittes. Den Inhalt der ersten Nummer bildet ein Aufsatz von I. Derenbourg über die bekannte Medaille von Fourriere, und ein bibliographischer Artikel über verschiedene literarische Erscheinungen. Dieser beginnt mit einergeistreichen Kritik eines eben erschienenen Buches, das auch bereits nach Deutschland herübergekommen: Le Juif, le Juda'isme et la Juda'fsation, par le Chevalier Gougenot Des Mousseaux. Paris, H. Plon 1869. Die Revue läßt sich im Beginne ihrer Kritik darüber folgendermaßen aus: „Dem Herrn Chevalier des Mousseaux hat geträumt, die Juden seien oder werden die Herren der Welt, und da dieser Gedanke ihm schrecklich ist, nahm er feinen großen Säbel, vielleicht den Säbel seiner Väter und ist damit in den Krieg gegen die Ungläubigen gezogen. Als Don Quixote seine Abenteuer, die ihn so berühmt gemacht, begann, hatte er sich zu diesen ruhmreichen Kriegszügen durch die Lectüre der Ritterromane vorbereitet. Herr des Mousseaux ist noch besser ausgerüstet: er hat von der Kabbala gelesen, wenn Sie nichts dagegen haben, von der allerschwärzesten. In der That, man kann dies merken. Augenscheinlich befindet sich der Chevalier unter der Einwirkung irgend einer schrecklichen Vision. Es ist ihm ein Heer von Schlangen, von Drachen, von Greifen und Vampyren erschienen, sammtlich mit Judenköpfen. Der ganze Teufelskessel kocht und brodelt in seinem Gehirn und er kämpft wüthend gegen diese Kinder der Finsterniß. Woher kommen Sie denn, berühmter Croquemitaine, und in welchem verfallenen Thurme sind Ihnen Ihre Träume erschienen? Ist es Narrheit, Hallucination oderganz einfach religiöse Leidenschaft? etwas Brutales, Wildes und Delirium wie der Ausbruch des Hasses? Wir sind Gott sei Dank! nicht mehr im Mittelalter, und Ihr Buch kommt zu spat) es athmet einen 5

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